Teil 25: Lucia hielt den Telefonhörer...

Lucia hielt den Telefonhörer noch immer in der Hand. »Hörst du mir noch zu?«, fragte Pfeiff er. »Du sagst ja gar nichts!« Lucia antwortete nicht. Es hämmerte in ihrem Kopf. Was hatte das alles zu bedeuten? Warum erzählte er ihr, wie er in Mombach aufgewachsen war? Warum die Geschichte mit den Läusen? Wollte er ihr damit drohen? - Ganz sicher wollte er das. - Sie dachte an die Nichte. Von Geschwistern hatte er nichts erzählt. Nein, er war allein aufgewachsen. Vielleicht hatte seine Frau einen Bruder oder eine Schwester? Aber auch davon hatte er nichts erzählt. Seltsam, dachte sie, denn beim Trauergespräch hatte sie ihn ausdrücklich danach gefragt. Schließlich waren die familiären Verhältnisse für eine Trauerrede außerordentlich wichtig. Vielleicht war diese junge Frau, die sie vor zwei Tagen in seinem Wohnzimmer gesehen und für seine Geliebte gehalten hatte, gar nicht seine Geliebte, sondern seine Nichte. Wenn sie sich recht besann, so sah sie seiner Frau sehr ähnlich. Lucia musste sie ausfi ndig machen. Sie war der Schlüssel zu dem Mordfall.

 

Aber wo sollte sie bitteschön zu suchen beginnen? Lucia zuckte zusammen, als Pfeiff er zu sprechen fortfuhr. »Die Läuse auf meinem Kopf habe ich regelrecht fl ambiert«, sagte er und lachte, während sie sich an den Mann in dem Auto vor ihrer Haustür erinnerte. »Mit vier oder fünf. Vielleicht war ich auch sechs? Ich weiß es nicht mehr. Es war der vierte Adventssonntag. Das weiß ich aber noch genau. In der kleinen Küche war es kalt und alle Kerzen vom Adventskranz brannten. Ich bin auf einen Stuhl gestiegen und hab diese gelben länglichen Anzündstreifen vom Küchenregal genommen. - Du weißt schon, diese Streifen, die man damals zum Anzünden der Ölöfen benutzte. Vielleicht tut man das heute noch. - Über einer der vier Kerzen habe ich sie dann nacheinander angezündet und nacheinander brennend über den Kopf gezogen. « Er lachte wieder, während Lucia mit dem Hörer am Ohr aus dem Fenster blickte. Der Seat stand jetzt an einer anderen Stelle.

 

Der Fahrer hatte ein Fenster heruntergedreht. Und telefonierte, wie sie jetzt erkannte. »Das hat vielleicht gestunken! Die Haare waren versengt. Und der Schädel an manchen Stellen hochgradig verbrannt. Das waren Schmerzen. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.« Er sagte das, als ob er über das Wetter oder über die Börsenkurse sprach. »Ich musste danach zwar über Weihnachten für mehrere Tage ins Krankenhaus, und war noch wochenlang entstellt. - Die Brandnarben kann man noch heute sehen. - Doch die kleinen Quälgeister auf meinem Kopf war ich für immer los.« Er machte eine Pause, die Lucia nutzte, um zu überprüfen, ob sie ihre Wohnung abgeschlossen hatte. Denn der Mann dort unten im Auto konnte womöglich Pfeiffer sein. Mit dem Hörer am Ohr stürzte sie zur Wohnungstür und drückte die Klinke. Die Tür war off en. Wo war jetzt der Schlüssel? Wo hatte sie ihn hingelegt?

 

»Ich habe einen starken Willen«, fuhr Pfeiff er fort, während Lucia damit begann, im Flur nach dem Wohnungsschlüssel zu suchen. »Alles, was sich mir in den Weg stellt«, sagte er, »wird beseitigt.« Seine Stimme klang jetzt gepresst vor Wut, der gequälten Wut eines Kindes. »Besonders solche Quälgeister wie dich.« Mit zitternder Hand fuhr sich Lucia durch das Haar. Wo, verdammt noch mal, hatte sie den Schlüssel hingelegt? Sie ging ins Wohnzimmer, den Hörer immer noch am Ohr, und durchstöberte die Anrichte, das Sideboard, den Wohnzimmertisch, konnte ihn aber nirgendwo fi nden. Sie ging zum Fenster und blickte wieder hinaus. Der Seat war weg. Sie griff nach dem Opernglas, das noch auf dem Fensterbrett stand und ertastete dabei - endlich - den Schlüssel. Ohne noch einmal aus dem Fenster zu blicken, fl itzte sie wieder zurück zur Wohnungstür.

 

Erst jetzt fi el ihr ein, dass Pfeiff er gar nichts mehr sagte. »Hallo«, fl üsterte sie vorsichtig in die Sprechmuschel, während sie den Schlüssel ins Schloss steckte. Sie erhielt aber keine Antwort. »Hallo«, sagte sie noch einmal und schloss ab. Sie fühlte sich jetzt sicher. Das Auto mit dem Mann war weg und die Wohnung war verschlossen. Vielleicht war es das, was sie dazu bewog, das Wörtchen »Mörder« ins Telefon zu fl üstern. Einfach so. Vielleicht auch, um zu überprüfen, ob Pfeiff er noch in der Leitung war. Für einen Moment stand sie wie versteinert da. Sie hatte ein Klicken am anderen Ende gehört.

 

 

Teil 24: Lucia fuhr vor Entsetzen herum...

Lucia fuhr vor Entsetzen herum. Ihre Lunge brannte. Hinter ihr hatten sich zwei Wagen ineinander verkeilt, ein cremefarbener SL und ein Geländewagen. Sie sah wie der Fahrer des SL am Lenkrad herumfuhrwerkte, in die Mitte der Straße zurücksetzte und in die Fahrerseite eines Polos krachte, sodass dessen Windschutzscheibe in tausend Stücke sprang. Lucia wich rückwärtsgehend langsam zurück und beobachtet die ganze Szenerie, prü e aber auch, ob ihr jemand folgte. Dann drehte sie sich wieder um und sah gerade noch, wie ein Auto auf sie zuraste. »Oh mein Gott«, stieß sie aus und sprang zur Seite. Sie fi el auf den Rasen vor dem Kurfürstlichen Schloss und rappelte sich gleich wieder auf. Ihr linkes Knie schmerzte. Sie duckte sich hinter einer Reihe parkender Autos und rannte in Richtung Kaiserstraße. An der Stadtbibliothek drehte sie sich noch einmal um und schaute zurück. Nichts. Vielleicht war Frau Pfei er und der Schatten ihr gar nicht nachgekommen. Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet. Sie ging weiter.

 

Ein paar Teenager mit Bierfl aschen in der Hand kamen ihr entgegen, und ein blondes Mädchen lächelte sie an. Wieso war sie weggelaufen? Die Frau hatte sich nur umgedreht. Sie wollte ihr doch nur Gesellscha leisten. Vielleicht sah Lucia Gespenster, wo keine waren. Aber die unangemessene Haltung der vermeintlichen Frau Pfei er, die Art wie sie sich umgedreht hatte, nachdem sie guten Abend gesagt hatte, ließ Lucia annehmen, dass sie sie angreifen wollte. Und deshalb hatte sie sich so verhalten. Natürlich. Musste sie aber gleich die Nerven verlieren und einen Unfall verursachen? Und überhaupt: Ho entlich war nichts passiert! Sie würde morgen früh gleich zur Polizei gehen und alles erklären, die ganze Schuld auf sich nehmen. Wer würde das alles bezahlen? Die Ha - pfl ichtversicherung? - Kaum. Hauptsache sie lebte noch! Sie bog um die Ecke und sah vor sich die hell erleuchtete Christuskirche. Am Rhabanus- Maurus-Gymnasium beschleunigte sie ihre Schritte. Nur noch ein paar Meter, dann war sie zuhause. Endlich. Vor ihrer Haustür blickte sie sich noch einmal um. Niemand war ihr gefolgt. Sie ö nete ganz vorsichtig die Tür und spähte in den Flur. Auch hier war niemand. Warum auch? In ihrer Wohnung im zweiten Stock angekommen ging sie sogleich zum Fenster und blickte hinaus. Vielleicht hatte man sie ja doch verfolgt. Aber es war nichts Auffälliges zu sehen, außer einem alten Seat, der schräg gegenüber vor der Einfahrt geparkt war, wo ansonsten nie ein Auto stand. Durch die dunkel spiegelnde Windschutzscheibe konnte sie einen Mann erkennen. Sie holte sich aus ihrem Arbeitszimmer das Opernglas und stieg auf einen Stuhl, um so besser ins Auto blicken zu können. Sie sah nur, dass er rauchte. Es kam ihr etwas wie in alten Kriminalfi lmen vor, wo die Verfolger ihre Opfer rauchend und Ka ee trinkend beschatteten. Als sie den Fokus verstellte, um das zunächst milchig verschwommene Gesicht deutlich erkennen zu können, klingelte das Telefon.

 

Helga, dachte sie und stieg ganz schnell vom Stuhl. Sie hatte sie bei Pierre im Templer ganz vergessen. »Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereite«, sagte die Stimme am andere Ende der Leitung, die Lucia sofort als Pfei ers Stimme identifi zierte, »so war das nicht gedacht.« Er machte eine Pause. »Aber sie wollten es ja nicht anders.« Er sprach das alles sehr betont aus, verschluckte keine Silbe, wie sie es von ihm kannte. »Ich werde mir mein Leben von ihnen nicht kaputt machen lassen.« Während sie, den Hörer in der Hand, wie versteinert dastand, erzählte er ihr unvermittelt, wie er in Mombach nahe des Industrieviertels aufgewachsen war und dass seine Mutter, die ihn alleine großgezogen hatte, in den Panzerwerken geschu et hatte, damit er sein Abitur machen, Jura studieren und Anwalt werden konnte.

 

»Das werde ich mir von dir nicht kaputtmachen lassen«, sagte er nach jedem Satz. Er erzählte ihr auch von der wunderschönen Frau, die er geheiratet hatte, von ihrer kinderlosen aber wunderschönen Ehe, dass er aber in seiner Nichte eine Tochter gefunden habe, die sie und er gerne hätten adoptieren wollen. Lucia hörte zu, aber verstand nicht, was er ihr sagen wollte, hatte aber das Gefühl, dass hier etwas gewaltig aus dem Ruder lief. Sie spürte ihr Herz rasen, bis in die Fingerspitzen und Schläfen. »Einmal hatte meine Mutter«, sagte er ebenso unvermittelt, »ich muss damals vier oder fünf Jahre gewesen sein, Läuse auf meinem Kopf entdeckt. Aber sie wollte mir nicht die Haare schneiden, wollte auch nicht mit mir zum Friseur.« Er machte eine Pause. »Da habe ich sie mir mit Feuer selbst weggemacht. Du verstehst! Mit Feuer!«

 

 

Teil 23: Kurz vor der Theodor-Heuss-Brücke...

Kurz vor der Theodor-Heuss-Brücke sah Lucia sich um und versuchte, sich auf die Wirklichkeit des Ortes zu stützen, an dem sie sich befand. Die Rheinpromenade, wo sie am Tage so gerne spazieren ging, war dunkel und verlassen. Es war kalt, aber der Regen hatte aufgehört. Wann, wusste sie nicht mehr. Vielleicht als sie den Fischtorplatz überquert hatte? Ein paar Schritte vor ihr war eine Parkbank; sie ging hin und setzte sich. Sie wollte sich ein paar Minuten Zeit nehmen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und zu rekonstruieren, was geschehen war. Sie war ohnmächtig geworden, genau in dem Moment, als Pfeiffer auf sie zu zugekommen war. Dominic Schreiner hatte sie aufgefangen, geschüttelt und wieder zu Bewusstsein gebracht. Dann hatte sie das Haus verlassen. An mehr konnte sie sich eigenartigerweise nicht mehr erinnern. Sie war erschöpft. Das bloße Denken tat ihr weh.
Sie schob die Hände in die Manteltasche, um sie zu wärmen, und ihre Rechte berührte den Kugelschreiber, den ihr Dominic gegeben hatte. - Aber warum? - Im selben Augenblick ließ sie etwas aufhorchen.
Eine Frau kam heran. Sie hatte den Kragen hochgeschlagen und lief ein wenig gebeugt. Als sie näher kam, sah Lucia, dass sie die gleiche unförmige Jacke trug wie die geheimnisvolle Alte, die sie vor dem Fenster der Pfeiffers gesehen hatte. Die Frau war noch ein paar Schritte weit entfernt, als sie den Kopf hob und ihre Blicke sich trafen. Kein Zweifel! Es war diese Alte. Mittlerweile glaubte Lucia ja, dass es sich um die wahre Frau Pfeiffer handelte und dass man eine andere Frau an deren Stelle unter die Erde gebracht und die Pfeiffer wahrscheinlich ermordet hatte.
»Guten Abend«, sagte die Alte.
Lucia nickte und wandte den Kopf ab, um weiteren Blickkontakt zu vermeiden, aber ihr Hand blieb in der Manteltasche und umfasste den Kugelschreiber. Die Frau war keine zehn Schritte weitergegangen, als sie plötzlich stehen blieb und sich umdrehte.
Diese ruckartige Bewegung war Lucia nicht geheuer, und sie reagierte sofort. Sie stand auf. »Was wollen Sie!«, fragte sie deutlich, dabei stieß sie den Kugelschreiber in ihrer Manteltasche weit nach vorne, sodass es aussah, als hätte sie eine Pistole in der Hand, wie sie es soeben bei Pfeiffer zu sehen geglaubt hatte.
Die Frau starrte sie an und senkte den Blick auf die ausgebeulte Manteltasche. Lucia hatte Angst und war nervös, aber ihre Hand war ruhig.
»Ich wollte Ihnen nur etwas Gesellschaft leisten«, sagte die Frau. »Sonst nichts.«
Lucia drehte den Kopf leicht zur Seite und schaute nach rechts in Richtung Hilton. Im Schatten eines Baumes, ein Stück vor dem Brunnen, stand eine zweite Person. - Oder hatte sie sich getäuscht?
»Lassen Sie mich in Ruhe!«, sagte Lucia.
Die Frau schwieg und blieb stehen.
»Verstehen Sie mich?«
Die Frau schwieg immer noch.  
»Verstehen Sie mich?«, wiederholte Lucia jetzt nachdrücklich.
Die Frau nickte kaum merklich.
»Dann gehen Sie bitte.«
Lucia sah die Frau eine Weile schweigend an. Dann wich sie langsam zurück, den Kugelschreiber immer noch auf die Frau gerichtet. Sie ging etwa zwanzig kleine Schritt rückwärts bis kurz vor den Brückenkopf. Als sich die Person im Schatten des Baumes bewegte, drehte sich Lucia um und rannte los, so schnell sie nur konnte. Ihre Schritte hallten unter den Brückenpfeilern.
Als sie sich an der Rheinwasser-Untersuchungsstation umschaute, sah sie, dass die Frau ihr nachkam, eine Silhouette, die kaum schneller als sie selbst lief. Wo aber war die andere Person? Oder hatte sie sich doch geirrt? Links von sich sah sie den angestrahlten Landtag und davor gleichmäßig fließender Straßenverkehr. Sie konnte jetzt unmöglich die Straße überqueren. Sie wäre auch nicht weit gekommen, denn die hoch aufgetürmt Straßenrandbebauung zwischen Rhein und Landtag hätte sie daran gehindert. Wieder schaute sie sich um. Sie war leicht geblendet und konnte nichts mehr sehen. Sie musste annehmen, dass sie immer noch verfolgte wurde. Mit klopfendem Herzen rannte sie durch Schlosstor an der Rheinpromenade. Vor ihr das hell erstrahlte Kurfürstliche Schloss.
Die Fußgängerampel war rot. Trotzdem lief sie jetzt ohne stehen zu bleiben auf die Straße hinaus. Hupen gellten. Sie wich einem Wagen aus, dann noch einem. Reifen quietschten, und es tat einen dröhnenden Knall.

Teil 22: »Was soll das?«, fragte Lucia empört...

»Was soll das?«, fragte Lucia empört. »Warum zerren Sie mich hinter dieses alte Ding hier?« Sie zeigte auf den Tresen.
»Ducken Sie sich. Ich höre Schritte«, entgegnete Dominic nur.
»Schritte«, sagte sie nicht weniger empört. »Ja, und? Soll ich mich deswegen verstecken?«
»Ich habe Pierre versprochen, auf Sie aufzupassen.«
»Das kann ich selber.«
»Bitte, Frau Herzer ducken Sie sich. Sie können sich ja gleich wieder aufrichten. Wenn wir wissen, wer da kommt.«
Widerwillig ging sie in die Hocke, suchte aber zuerst nach einer Stelle, die ihr den Blick in den Raum garantierte, wo die Männer Karten spielten. Ihre Beine schmerzten. Und dann kam er auch schon in einem schwarzen Anzug. Sie sah, wie er sich mit dem Rücken zu ihr an den Tisch neben einen jungen Mann setzte, der eine dick umrahmte Brille trug und aussah wie ein Jurastudent. Die Art, wie er sich die Zigarette anzündete, als Pfeiffer den Raum betrat, und das Streichholz auf den Boden schnippte, erinnerte sie an die lässige, verwöhnte Art eines reichen Playboys. Auch er trug einen Anzug, teuer, wie Dieter und auch die anderen beiden Männer, wie ihr erst jetzt auffiel. Keiner von ihnen sagte ein Wort, als sich Pfeiffer setzte. Einer mischte die Karten. Sie konnte es zwar nicht sehen, aber zumindest hören. Ein Geräusch, das sie von ihren sonntagnachmittäglichen Bridgepartien her kannte. Dann wurden die Karten verteilt. Auch das konnte sie nur hören. Ihr Blick war ganz auf Pfeiffers Rücken gerichtet und das Gesicht von Dieter schräg gegenüber, der die Karten aufnahm und studierte. Das gleiche wird jetzt auch Pfeiffer tun, dachte sie, als dieser den Kopf leicht senkte. Dieter zuckte leicht zusammen, überspielte es aber gleich und funkelte Pfeiffer an.
»Komm schon. Sag was«, hörte sie Pfeiffer nach einer Weile sagen. Seine Stimme war heiser und ordinär. Lucia fragte sich, ob es in seinem Tonfall ein Signal gab, etwas, was sie aufhorchen ließ, wie sehr er auch den abgebrühten Spieler mimte, etwas, das sie im Laufe der Jahre schon einmal gehört hatte und was nicht zu verbergen war.
»Ich sage was«, entgegnete Dieter und zog ein paar Geldscheine hervor, »und erhöhe um 300.«
Das war für Lucia der richtige Zeitpunkt, um aus ihrem Versteck aufzutauchen. Sie gab Dominic, der neben ihr hockte, einen kleinen Klaps auf den Oberschenkel und richtete sich auf. »Ich gehe jetzt hinein. Kommen Sie mit?«
Dominic nickte und stand auf. Sie strich sich die Kleider zurecht und stellte sich in den Türrahmen.
Pfeiffer hatte ihr immer noch den Rücken zugewandt. Er schien sie nicht zu bemerken. Doch plötzlich drehte er sich um. – Wahrscheinlich hatte er an Dieters leichtem Gesichtszucken gemerkt, das da etwas hinter ihm war. – Er sah abgespannt aus. In seinen Augen lag ein unbefriedigter, halb ängstlicher Ausdruck, der Lucia beinahe Mitleid einflösste. »Was macht die denn da?« Er legte die rechte Hand flach auf den Tisch und stemmte sich hoch. Eine an den Nerven zerrende Stimmung hatte sich ausgebreitet. »Wer von euch hat die denn mitgebracht?« Niemand sagte ein Wort. Dieter blickte unter sich.  »Ihr wisst, Gäste sind hier verboten. Das gilt auch für diesen Knilch hier!« er deutete auf Dominic. »Diese Frau ist eine Stalkerin. Sie verfolgt mich seit dem Tod meiner Frau, so dass ich eine einstweilige Verfügung erwirken musste, die es ihr verbietet, sich auf eine Entfernung von hundertfünfzig Meter meinem Haus zu nähern. – Und jetzt folgt sie sie mir sogar zum Pokerspiel.« Er machte eine kurze Pause, um sich Lucia zuzuwenden. In den Falten seines schwarzen Anzugs hingen Brotkrumen. »Haben Sie keinen Anstand!«, sagte er jetzt mit einer Liebenswürdigkeit, die nicht recht zu seinen Worten passen wollte. »Ich darf Sie daran erinnern, dass ich in Trauer bin. Können Sie das nicht respektieren?«
Lucia starrte ihn an, entsetzt über die harten Falten, die seinen Mund in Klammern setzten wie bei einem Hecht, während er ihr immer näher kam. Er berührte sie fast mit seinem Körper.
»Sie haben sich keinen Gefallen getan«, sagte er und schwieg. Als er weitersprach, war es kaum ein Flüstern, das nur sie verstand, aber dennoch hart, unangenehm, fast drohend. »Sie hätten sich nicht einmischen sollen!«
Erst jetzt sah sie, dass sich in seiner Jackentasche etwas abdrückte, das wie eine Waffe aussah. Schwankend stand sie da, aschfahl im Gesicht. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihre Brust hob und senkte sich heftig mit jedem Atemzug. Sie dachte nur kurz an ihr Herz und schon stürzte alles auf sie ein. Sie konnte nichts dagegen tun. Sie spürte wie eine warme Hand sie packte. Dann ertönte irgendwo der Singsang von Sirenen.

Teil 21: Lucias Herz raste...

Lucias Herz raste. Das ist Pfeiffer, schoss es ihr durch den Kopf. Natürlich hatte sie ihn verstanden! Aber wie konnte sie ihm antworten, wenn sich seine Hand auf ihren Mund presste? Auch nicken konnte sie nicht. Denn dann würde sich dieses spitze Ding unter ihrem Kinn in ihr Fleisch bohren.
»Ich werde jetzt die Hand von deinem Mund nehmen«, sagte er, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Wenn du einen Laut von dir gibst…«
Von dem kleinen Vorhof, fünf Schritte entfernt kam ein Geräusch. Lucia fühlte, wie er hinter ihr erstarrte. Im selben Augenblick ging die Tür auf und Dominic stand vor ihnen. In der einen Hand hielt er einen Döner, in der anderen ein Handy. »Ich hatte Hunger«, sagte er mit noch vollem Mund, und dann, als er die ganze Situation überblickte: »Was macht ihr denn da?« Lucia wandte sich erst um, nachdem die Hand von ihrem Mund geglitten war. Vor sich sah sie Dieter mit einem Schlüssel in der Hand.  »War nur ein Scherz«, sagte er lächelnd, machte eine Geste, als würde er sich entschuldigen und verschwand sofort im dunklen Flur.
»Mein Gott«, sagte Dominic, »Sie sind ja ganz blass. - Fehlt Ihnen auch nichts?«  Lucias Mund stand offen; sie wollte etwas entgegnen, aber sie konnte nicht. Statt dessen kamen ihr die Tränen. »Frau Herzer, was ist denn passiert?« Dominic kam auf sie zu, und dann lag sie in seinen kräftigen Armen und weinte.
»Es ist gut, es ist ja gut.« Sein Ton war warm und beruhigend. Zwischen ihren Schluchzern hörte sie ihn fragen, ob sie die ganze Aktion abblasen sollten. Aber sie antwortete nicht. Sie wischte sich die Tränen ab, schloss die Augen und bemühte sich zurückzudenken. Weit zurück - bis heute morgen, als sie entdeckte, dass die Tote, die man als Frau Pfeiffer beerdigen wollte gar nicht Frau Pfeiffer war, dass diese womöglich gar nicht tot war, dass Pfeiffer an ihrer Stelle jemand anders ermordet hatte, ermordet haben musste. Sie löste sich aus Dominics Armen. Die plötzliche Bewegung machte sie schwindelig, und eine Zeitlang konnte sie nur dastehen, sich festhalten und beten, sie möge nicht umfallen. Nein, sie wollte die Aktion auf keinen Fall beenden! Koste es, was es wolle. Sie wusste zwar noch nicht, wie sie ihren Verdacht beweisen sollte, aber mit ihrem Besuch beim Pokerspiel konnte sie Pfeiffer zumindest provozieren und ihm zeigen, dass er sie in ihrer Hartnäckigkeit unterschätzt hatte. Vielleicht machte er ja einen Fehler? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war er aber auch gar nicht da und saß bei der Trauerfeier? Das musste sie herausfinden. »Gehen wir?«, fragte sie und beantwortete sich ihre Frage selbst. »Ich denke ja.« Als Dominic nach der Tür griff, legte sie ihm die Hand auf den Arm. »Kann ich mich auf Sie verlassen?« Er nickte.
»Danke. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten mache; so war das nicht gedacht.« Sie blickte in die vertrauensvollen Augen des jungen Mannes, den sie, wie ihr jetzt erst auffiel, von irgendwoher kannte. War das nicht der junge Mann, der sich als Projektleiter der Mainzer Museumsnacht vor zwei Jahren einen Namen gemacht hatte? Hatte er sie nicht vor etwa einem Jahr mit der Bitte kontaktiert, eine Rede anlässlich der Beerdigung des Hafengartens, des legendären Kulturbiergartens im Zollhafen zu halten, die sie mit dem Hinweis auf die Seriosität ihres Ehrenamtes als Grabrednerin abgelehnt hatte?
»Sie sind doch Dominic Schreiner?«, fragte sie. »Sie organisieren doch alle möglichen kulturellen Veranstaltungen, wie etwa das Klassikfrühstück im 7°? Die sie auch auf eine äußerst charmante Art moderieren?«
Dominic ignorierte ihre Fragen aus einem ihr unerfindlichen Grund, reichte ihr die Hand und führte sie durch den Flur zu einer kleinen Tür, hinter der eine Treppe lag. »Natürlich sind Sie das«, sagte sie, während sie hinter ihm die Treppe hinunterstieg. Danach folgte ein breiter Gang voller Bierfässer und leerer Getränkekisten, der zusätzlich noch mit Elektro- und Rohrleitungskanälen ausgefüllt war. Sie spürte wie ihr vor Erregung der Kopf summte. Schließlich betraten sie einen mittelgroßen kalkgeweißten Raum, der sie an ein Vernehmungszimmer erinnerte. Darin war nichts anderes als ein Tisch, um den ein paar Männer unterschiedlichen Alters saßen und Spielkarten in der Hand hielten. Ein Pokerspiel hatte sie sich anders vorgestellt. Sag, was dir in den Sinn kommt, wenn sie dich fragen, was du hier tust, dachte sie. Zuck nicht mit der Wimper. Doch niemand fragte sie etwas. Ja, man schien sie noch nicht einmal zu bemerken.
Dann griff sie Dominic an der Schulter. »Vorsicht«, sagte er und zog sie aus dem Raum in den Gang hinter einen alten Tresen, der an der Wand stand.

Teil 18: Helga stieg aus der Straßenbahn ...

Helga stieg aus der Straßenbahn auf den Schillerplatz. Sie spuckte ungeschickt auf den Boden, so dass die Spucke auf ihrem linken Schuh landete. Das Entsetzen, das sie noch immer beherrschte, machte es ihr unmöglich, mit angemessener Wut zu reagieren, vor allem darüber, dass sie die Beerdigung der falschen Frau Pfeiffer nicht verhindert und den Mord damit nicht aufgedeckt hatte. Aber was hätte sie tun können? Sit-ins, Blockaden, Demonstrationen – wie bei Stuttgart 21? Vor der Gonsenheimer Leichenhalle! Nur sie und Helga! Das waren aussichtslose Unterfangen.
Steif und langsam setzte sie ihre Füße voreinander. Es kam ihr alles unwirklich vor: der Fastnachtsbrunnen mit seinen grotesken Gestalten, die sich im Sprühnebel versteckten und der gewaltige Dom, eingetaucht in ein seltsames Gebläse, das von vier Musikern in schwarzen bodenlangen Gewänder stammten, die über den Leichhof glitten. »Wie können all diese Leute«, sie zeigte auf einen der Musiker, dessen Sousaphon sich wie eine Riesenschlange um seinen Körper gewickelt hatte, »ihr Leben einfach fortsetzen, während ein Verbrechen geschehen ist. Wenn wir nichts unternehmen, wird Pfeiffer niemals seine gerechte Strafe erhalten.«
»Gerechte Strafe«, wiederholte Helga abfällig, als sie in die Augustinerstraße einbogen. »Das ist doch nur eine Redensart. Die Auffassung, dass das Leben die gerechte Strafe oder den gerechten Lohn bereithält, dass allem eine tiefere Bedeutung zukommt als die, die wir ihm bemessen, ist doch nur tröstlicher Aberglaube.«
»Aber Helga«, Lucia blieb stehen, »glaubst du denn nicht an Gerechtigkeit?«
»Komm«, sagte Helga milde und hakte sich bei ihr unter; ihre dünnen, knochigen Fingern nahmen sich aus wie die eines kleinen Mädchens. »Ich bin müde. Die ganze Sache hat mich viel Energie gekostet, und ich wünsche mir jetzt nur eine warme Suppe in der gemütlichen Weinstube, von der du mir erzählt hast.«
Vor der Kapuzinerkirche blieb Lucia stehen und wartete darauf, dass sich ihre Gereiztheit legte. »Hier ist es«, sagte sie und zeigte auf das Wirtshausschild gegenüber, auf dem ein Ritter abgebildet war.
Die Täfelung aus Eichenenholz bedrängte Lucia zunächst von allen Seiten, als sie in den »Templer« eintrat, doch als Pierre, Mainz’ prominentester Korse, mit »Efin, ma Chéri« auf den Lippen ihr aus der Küche entgegenstürmte und sie mit Küsschen bedachte, fühlte sie sich frei und geborgen. »Isch«, begann er mit einem französischen Akzent, der die Melodie der Mainzer Mundart nachzuahmen schien, »abe gewusst, dass du eute kommst. Es gibt Cassoulet!« Er hielt sie fest und blickte ihr in die Augen. »Aber was hast du?«
Lucia presste den Mund zu einem dünnen Strich zusammen und wich zurück.
Erst jetzt schien er Helga zu bemerken. »Du hast mir deine Freundin noch nicht vorgestellt.« Er beugte sich zu ihr, um auch sie zu küssen. »Nun, meine Schönen«, sagte er und verschwand hinter dem Tresen, »ist es Zeit für einen Aperitif.« Er ließ keine Widerrede zu und drückte jeder der beiden alten Damen ein Glas Champagner in die Hand. Während er Lucia den Stuhl an ihren Lieblingstisch heranrückte, gestattete sie sich das Lächeln, das sie so lange unterdrückt hatte. Erst als auch Helga Platz genommen hatte, setzte er sich dazu. »Du weißt«, sagte er eindringlich, »du kannst mir alles sagen, was dich bedrückt.«
Lucia zögerte, doch dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte.
Er hatte seinen Champagner ausgetrunken und beäugte Lucias unberührtes Glas. »Um dein Ziel zu erreichen«, sagte er, »lauf in die entgegengesetzte Richtung.«
Sie konnte nicht mehr fragen, wie er das meinte, denn in diesem Augenblick kam die Kellnerin mit einer großen irdenen Kasserrolle, und eine Viertelstunde lang wandte sich alle Aufmerksamkeit, mit anerkennenden Worten von allen Anwesenden, dem Cassoulet zu, und Pierre, hocherfreut, revanchierte sich mit der Geschichte, wie er die unerlässliche Zutat, die eingemachte Gans, in Straßburg erstanden hatte. Als die Mahlzeit beendet war, nahm er den Faden wieder auf. »Pfeiffer ist ein Spieler«, sagte er. »Du musst ihn dort packen, wo er es nicht erwartet, dort, wo seine Leidenschaft tobt.«
»In der Spielbank?«, fragte Lucia unsicher.
»Nein, er spielt Poker, und das mindestens zwei Mal die Woche.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Mit Didier«, sagte er schließlich und zwinkerte ihr zu.  »Er nimmt dich sicher mit.«

Machen Sie mit!

Gestalten Sie die weitere Handlung des Krimis! Wie soll die Fortsetzung Ihrer Meinung nach aussehen?
Schreiben Sie Ihre Ideen an den Autor per E-Mail an: mail@hubertneumann.de.

Teil 17: In ihren Ohren spürte Lucia ein...

In ihren Ohren spürte Lucia ein immer heftigeres Sausen, ein schriller Ton, der sich konzentrisch auszubreiten schien. Wie benommen schwankte sie hin und her und drohte zu fallen. Doch sie konnte sich gerade noch rechtzeitig am Sarg festhalten. Konnte es sein, dass hier wirklich eine andere lag, die Frau Pfeiffer bis aufs Haar glich? Lucia beugte sich über die Tote. Kein Zweifel, es war eine andere. Um sicher zu gehen, kramte sie die Fotografie, die das Porträt von Frau Peiffer zeigte aus ihrer Tasche, zitternd vor Ungeduld und Aufregung, um es der Toten auf die Brust zu legen. Die Mund- und Augenpartie der Toten stimmten mit dem Porträt überein, auch das Kinn. Die Haut aber war anders, sonnengegerbt wie bei einem Stadtstreicher. Die Wolken verdunkelten den Raum. Sie ging noch näher heran, in dem Moment ging die Tür auf und der Friedhofswärter kam herein und drehte am Schalter. Das plötzlich aufspritzende Licht blendet sie.
»Sie wissen, dass die 10-Uhr-Beerdigung gleich beginnt«, sagte er ohne Vorwurf, als wollte er sich nur erkundigen. Er hatte sich beeilt und rang ein bisschen nach Luft.
Lucia nickte, unfähig, etwas zu sagen. Sie fühlte, dass sie rot war und schwitzte. Ihre Augen tasteten die Tote langsam ab, von unten nach oben, von oben nach unten, und verweilten auf ihren kleinen, halb von Strähnen dunklen Haares bedeckten Ohren, auf ihren zusammengefalteten Händen, die ungewöhnlich ungepflegt waren und auf ihrer Nase, die schmaler als auf dem Foto zu sein schien. Sie merkte, dass der Friedhofswärter näher kam, so nahe, dass sie seinen Atem spürte, der nach Zigaretten roch.
»Was haben Sie denn?«, fragte er. »Sie sind ja ganz bleich.«
Lucia wusste nicht, was für eine Bewegung sie machte, jedenfalls blieb er hinter ihr stehen. Der Zeuge in ihrem Rücken war ihr peinlich.
»Geht es Ihnen nicht gut?«
Lucia antwortete nicht, sondern strich sich fahrig durch das Haar und begann mit sich selbst zu reden und das Gesicht der Toten zu beschreiben, um ihr Bild zu verwahren.
»Was haben Sie denn?«, fragte er jetzt besorgt.
»Nichts«, antwortete sie und drehte sich zu ihm um. »Haben Sie was zu schreiben und ein Stück Papier?«  
»Warum?«, fragte er zurück.
»Weil das nicht Frau Pfeiffer ist.«
»Nicht Frau Peiffer?« Er schaute sie mit nachsichtiger Neugier an. »Das ist Frau Pfeiffer«, sagte er. »Ich kannte sie, als sie noch in Gonsenheim wohnte. Hier in der Nähe in einer kleinen Villa. Bis ihr Mann alles verspielte?«
»Alles verspielte?« Die Bedeutung dieser Worte schlug über ihr zusammen wie eine Welle. »Haben Sie ein Handy«, fragt sie.
»Ein Handy?«
Der Friedhofswärter kam ihr jetzt wie ein Trottel vor. »Ja, damit ich die Leiche fotografieren kann.«
»Sie wissen, dass das verboten ist«, sagte er
»Papperlapp«, wollte Lucia ihm gerade entgegen, als sie Helgas Stimme hörte. Sie ging zum Fenster, durch das ein schwerer Geruch nach Erde und Bäumen zu ihr drang, und öffnete es. Es roch nach Regen. Ihre Freundin stand ein paar Meter weiter vor einem zwischen Kiefernbäumen eingebetteten Grabfeld. »Helga,« rief sie und winkte, »hier bin ich.«
»Du bist ja schon in der Leichenhalle«, sagte Helga echauffiert. »Warum hast du nicht auf mich gewartet. Warst du heute morgen nicht beim Arzt? Du weißt, mit einer gebrochenen Rippe ist in deinem Alter nicht zu spaßen.«
»Nicht jetzt, Helga. Komm doch bitte herein.«  
Es begann zu regnen.
»Sie wissen, dass die 10-Uhr-Beerdigung gleich beginnt«, sagte der Friedhofswärter abermals, als Lucia zur Tür ging, um Helga zu öffnen. Er blickte um die Ecke, als  Helga nach einigen Sekunden den Nebenraum betrat, unschlüssig, was er nun tun sollte.
Helga wirkte sehr solide, ein bisschen steif und wie immer fast ein wenig streng; in ihrem Gesicht erkannte Lucia eine verborgene Zaghaftigkeit, und in ihren kurzsichtigen Augen lag ein unbefriedigter, halb ängstlicher Ausdruck. Dennoch stürzte sie sofort zum Sarg, nahm das Foto von der Brust der Toten und verglich es mit deren Gesicht. Es war still. Nur der Regen schlug gegen die Scheiben und ließ auf ihnen dicke Tropfen zurück, die bald unter ihrem eigenen Gewicht zerfielen. Helga blickte Lucia an, ohne ein Wort zu sagen, blickte wieder zu der Toten, blickte wieder zu Lucia und sagte schließlich: »Das ist sie  nicht!
»Ich weiß«, entgegnete Lucia trocken. »Deswegen werde ich jetzt die Beerdigung verhindern.«

Teil 16: Neben der landschaftlichen Schönheit...

Neben der landschaftlichen Schönheit schätzte Lucia besonders die Ruhe, die auf dem Waldfriedhof herrschte. Hier musste sie keine lärmenden Spaziergänger, keine keuchenden Jogger oder hundekotverschmierten Schuhe fürchten wie im angrenzenden Wald. Wenn sie ganz bei sich sein wollte, setzte sie sich in die Linie 57 oder 62 und fuhr hierher. Die zwischen den hohen Kiefern eingebetteten Gräber gaben ihr die Gelassenheit zurück, die sie zuvor verloren zu haben geglaubt hatte. Das gleiche Gefühl überkam sie nach einer Trauerfeier, bei der sie die Grabrede gehalten hatte. Der Gleichmut ließ sie für einige Tage oder manchmal auch Wochen die schwierigen Momente des Lebens besser bestehen.
Auch jetzt war sie hierher gekommen, um ihre innere Ruhe wieder zu finden. Aber dieses Mal war es ganz anders. In ihrem Kopf herrschte ein furchtbares Durcheinander: Was hatte diese Frau am Fenster, die der Verstorben so ähnlich sah, mit der Verstorbenen zu tun? Es war die gleiche Frau, die sie und Helga vor einigen Wochen im Rinnstein der Maler Becker Straße Kräuter oder was auch immer pflücken gesehen hatten. Warum hatte der Witwer sie und Helga gestern aus dem Haus geworfen? Warum durfte sie die Grabrede nicht mehr halten? Was hatte sie getan? Er konnte sie unmöglich gesehen haben! Warum hatte er sie draußen vor der Tür auf der Treppe auch noch niedergeschlagen? Die Rippen taten ihr jetzt noch weh. Keine dieser Fragen konnte sie annähernd beantworten. Sie fühlte sich machtlos. Irgendetwas hatte Besitz von ihr ergriffen, eine alte Angst vielleicht, auch das wusste sie nicht. Vielleicht würde sie gleich etwas entdecken, was ihren Verdacht bestärkte, dass hier wirklich ein Verbrechen geschehen war?
Sie ging zur Friedhofskapelle, die sie an eine Schule erinnerte. Die schweren, hölzernen Flügeltüren waren trotz der Kälte weit geöffnet. Davor standen viele alte Leute in kleinen Gruppen plaudernd beieinander. Aber als sie an ihnen vorbeikam, um sich das Mosaikfries über den Türen anzusehen, auf dem die Auferstehung Christi dargestellt war, schwiegen sie für eine Weile. Erst als der Friedhofswärter aus der Kapelle kam, ging die Unterhaltung weiter. Wie gedämpftes Papageien-Geplapper.
Er schenkte Lucia ein strahlendes Lächeln. »Gleich beginnt eine Beerdigung«, sagte er, ohne Lucia zu begrüßen, »und danach erst…  Aber das habe ich Ihnen am Telefon schon gesagt.« Er hatte die typischen Muskeln eines Handwerkers und ein sommersprossiges, braungebranntes Gesicht. Lucia schätzte ihn auf Ende vierzig, Anfang fünfzig. Sein kurz geschnittenes blondes Haar sah natürlich aus, aber es war einige Töne heller als die Augenbrauen, die im Moment skeptisch hochgezogen waren. »Man hat mir heute morgen erzählt, dass Sie die Trauerrede für Frau Pfeiffer gar nicht halten. Ja, nicht halten dürfen! Es geht mich ja nichts an, aber warum wollen Sie die Verstorbene denn trotzdem sehen?«
»Ich weiß es ehrlich gesagt nicht«, antwortet sie. »Es ist mir ein Bedürfnis«
Er zog die Nase kraus. »Naja, dann kommen Sie mal mit. Wenn ich Sie nicht kennen würde…« Er hustete fürchterlich, während sie durch die Kappelle gingen. »Sie kennen sich hier ja aus. Frau Pfeiffer liegt noch im Kühlraum.«
Es war ein sehr heller, kalkweiß getünchter Raum. Zwei Böcke standen in der Mitte und trugen einen Sarg, dessen Schraubdeckel geschlossen war. Lucia sah, dass die blanken Schrauben an den nussbraunen Brettern kaum eingedreht waren.
»Keiner der Angehörigen wollte die Verstorbene noch einmal sehen«, sagte der Wärter und hustete wieder. Er spuckte in ein großes gestreiftes Taschentuch. Es klang so, als risse er sich den Auswurf aus der Lunge. »Daher wurde der Sarg schon geschlossen, aber ich brauche ihn nur aufzuschrauben, damit Sie sie sehen können.«
»Ja, bitte.« Lucia machte eine Geste, als würde sie sich entschuldigen. Sie hatte plötzlich Angst, dass sie im Sarg etwas finden würde. Ihr Blick schwenkte auf die vielen Kränze, die an den Wänden lehnten. Der Duft der Blumen bereitete ihr Übelkeit.
»So, Sie können«, sagte er und legte den Deckel auf den Boden. »Sie haben zehn Minuten.« Er ging hinaus, und rückte draußen ein paar Stühle zurecht.
Die Tote lag mit gefalteten Händen friedlich im Sarg. Man hatte ihr ein geblümtes Kleid angezogen. Sie sah aus wie auf dem Bild, nur etwas älter, viel älter. Und ihre Haut… Lucia sah etwas, dass ihre Zweifel wegfegte wie eine Sturm. Ihre Angst ging nun in Panik über.«

Teil 15: Lucia wollte aufspringen und zum Fenster...

Lucia wollte aufspringen und zum Fenster stürzen. Doch dann überlegte sie, ob es nicht klüger sei, Pfeiffer zuvorderst einmal gründlich auszuhorchen und die Person draußen vor dem Fenster, die der Verstorbenen ähnelte, aus dem Augenwinkel zu beobachten. Vielleicht war es ja auch die Tote selbst, die damit gar nicht tot war. Was wusste Lucia denn schon? Sie kannte Frau Pfeiffer doch nur von dem Foto, das ihr der Witwer vorgestern selbst überreicht hatte. Und von seinen spärlichen Kommentaren hatte sie sich auch kein Bild machen können, das für eine Grabrede ausgereicht hätte. Warum sonst hatte sie den Witwer heute noch einmal aufgesucht? Wer war also diese Frau? Und warum glotzte sie von außen durch das Fenster und machte noch nicht einmal Anstalten, sich zu verbergen? Lucia konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber vielleicht war es ja auch eine Täuschung, die durch ihre Anspannung hervorgerufen wurde? Man sah manchmal Dinge, die gar nicht vorhanden waren, mit denen man sich aber intensiv beschäftigte. Ihr fiel gerade kein Beispiel ein, doch sie hatte davon gehört. Wenn es also eine Täuschung war, was sah dann Helga? Auf was wollte sie mit ihrem Gezupfe und Gestoße aufmerksam machen? Lucia schwirrte der Kopf, ihre Hände zitterten. Sie war völlig verwirrt, wollte etwas fragen, brachte aber nichts anderes als unverständliches Gestammel heraus, dem sich undeutliche Fingergesten in Richtung Fenster hinzugesellten.
Von nun an ging alles ganz schnell. Pfeiffer war schon auf sie zugestürzt, hatte sie am Mantelkragen gepackt und zog sie jetzt durch das Wohnzimmer in den Flur Richtung Haustür, während sie immer wieder »Ihre Frau, Ihre Frau…« stammelte.
»Was wollen Sie denn?«, entgegnete er mit einem Schulterzucken, als würde er ihrer Äußerung keine Bedeutung zumessen, öffnete die Tür und warf sie wie ein Stück Dreck die Treppe hinunter.
Helga hechtete hinterher. »Ich bin empört über ein solches Verhalten, wirklich empört!«, sagte sie, als sie sich an ihm vorbeidrängte, um ihrer Freundin aufzuhelfen. »Ich werde Sie –«  
»Nichts werden Sie, Sie hysterische Tante! Ich werde Sie beide anzeigen, wegen Hausfriedensbruch und was mir sonst noch einfällt. Sie werden schon sehen!«
Lucia hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt und ihren rechten Fuß in die Tür gestellt, damit er sie nicht schließen konnte.
»Was erlauben Sie sich!«, schrie er, packte sie dieses Mal am Arm und schleuderte sie an die Hauswand. Der erste Hieb, in den Bauch, verschlug ihr den Atem. Der darauf folgenden Faustschlag ins Gesicht schmetterte sie nieder. Ein Stich im rechten Ohr durchbohrte sie. Sie ertastete lauwarmes Blut. »Das haben Sie jetzt davon!«, sagte er. Dann fiel die Tür ins Schloss.
Lucia rutschte die Treppe hinunter, dorthin, wo Helga gerade stand. Die Bauchmuskeln, die den ersten Schlag eingesteckt hatten, brannten in einem Krampf, der jetzt einsetzte. »Hast du sie gesehen?«
Helga kniete sich neben sie und musterte ihre Freundin, wie man einen Fremden oder einen unbekannten Gegenstand anschaut. Langsam suchte sie Lucias Hände. »Tut es sehr weh?«, fragte sie.
»Hast du sie gesehen?«, wiederholte Lucia jetzt drängend. Ein paar Krähen sausten über ihre Köpfe hinweg. »Lass uns schnell ums Haus herum gehen. Vielleicht ist sie noch da!« Sie stand auf, so gut es ging.
»Das tust du nicht!« Helga hielt sie fest und holte ein Taschentuch aus der Tasche, die über ihrer Schulter hing und wischte Lucia das Blut aus dem Gesicht. »Natürlich habe ich sie gesehen. Ich habe dich doch –«
»Ich versteh das nicht«, unterbrach sie Lucia. »Ich bekomme das nicht zusammen. Erst die Geliebte, die vielleicht gar keine Geliebte ist. Nein, erst die Stadtstreicherin, die der Verstorbenen bis aufs Haar gleicht und vielleicht gar keine Stadtstreicherin ist. Und jetzt das Gesicht am Fenster.«
»Und diese Niedertracht …«
»Das ist gar kein Ausdruck für sein brutales Verhalten!«
»Stimmt. Aber das hilft jetzt alles nichts. Du musst unbedingt zu einem Arzt. Danach gehen wir zur Polizei.«
»Wir haben doch nichts in der Hand! – Nein, ich werde heute Nacht noch mal hierherkommen.«
Helgas Blick verlor sich irgendwo in der Leere. »Das wirst Du nicht!«, sagte sie und sprach so leise, dass ihre Worte zu einem unhörbaren Gemurmel wurden. Dann fasste sie sich wieder, schaute Lucia an und sagte: »Wir machen etwas ganz anderes! Wann ist denn die Beerdigung?«

Teil 14: Lucia verstand zunächst nicht, was Helga...

Lucia verstand zunächst nicht, was Helga ihr mitteilen wollte. Sie sah sich im Wohnzimmer nach irgendetwas Auffälligem um, nach etwas, auf das sie ihre Freundin hinweisen wollte. Aber ihr fiel nichts auf. Es war alles wie gestern. Dann betrachtete sie das schmale und erschöpfte Gesicht des Witwers, das ein wenig ärgerlich aussah, als störe ihn die Anwesenheit der beiden Damen. Sein Blick glitt über sie hinweg, als ob er sie nicht sehen würde, als ob sie gar nicht da wären. Das war es wohl, was Helga gemeint haben könnte. Denn solches respektlose Handeln war ihr zuwider, selbst jeder Anflug von Unhöflichkeit, die für sie immer auch mangelnden Respekt zum Ausdruck brachte. Das galt ebenso für jegliche Form der Nachlässigkeit, besonders in der Kleidung. Man trug einfach keine Slipper und billig aus­sehende Hosen wie Pfeiffer, wenn man zwei Damen erwartete, noch dazu, wenn man ein Trauergespräch führen wollte! Man ließ die obersten drei Knöpfe nicht offen stehen, so dass man das weiße Unterhemd mit dem hässlichen gelblichen Schweißrand um den Hals und die grauen Brusthaare sehen konnte. Das schickte sich nicht.
Lucia zog ihren Arm zurück, vielmehr versuchte sie es, doch ihre Freundin hielt ihn fest, leicht nur, damit es Pfeiffer nicht bemerkte, und drückte ihre Finger mehrmals in die Haut, als wolle sie irgendwelche Morsezeichen übermitteln. Lucia wollte etwas darauf entgegen, wollte sagen, dass sie die Zeichen verstanden habe, unterließ es jedoch. Schließlich konnte sie sich jetzt unmöglich zu ihr hinüberbeugen und ihr etwas ins Ohr flüstern. Wie sähe das denn aus?
»Gibt es«, begann sie Pfeiffer vorsichtig zu fragen, »über ihre verstorbene Gattin eine besondere Geschichte zu erzählen? Etwas, was ich in meiner Trauerrede erwähnen könnte?«
Pfeiffer stand jetzt in der Mitte des Zimmers vor dem unübersehbaren, fast mannshohen Ohrensessel, der ihr gestern den Blick in den Flur versperrt hatte. Er wollte sich nicht setzen, auf dem Parkett stehen bleiben wollte er auch nicht. So verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere und machte den Eindruck, als würde er leiden, als suche er eine angemessene, unvoreilige Form des Beginns, konnte sich aber zu nichts durchringen, nahm Anlauf, blieb stecken. Er blickte auf seine Schuhspitzen, hob allerdings alle paar Sekunden den Kopf und starrte Helga an. Helga wiederum rückte nervös auf dem Sofa hin und her, und drückte immer noch auf Lucias Arm herum.
Himmelherrgott, Lucia hatte verstanden! Ja, sie hatte verstanden! Wann hörte Helga endlich damit auf?
»Haben Sie Kinder?«, fragte Lucia schließlich, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen. Seine Antwort war ihr wichtig; sie entschied darüber, ob die junge Frau aus dem Badezimmer seine Tochter oder seine Geliebte war.
Er machte eine abwehrende Kopfbewegung, schnalzte mit der Zunge. In seinen Augen war ein neuer Ausdruck. Vielleicht ein Ausdruck des Schmerzes, wie Lucia vermutete. Oder der Müdigkeit? Denn falls die junge Frau seine Geliebte war, musste er eine wilde Nacht hinter sich haben.
»Ich will nicht viele Worte verlieren«, sagte er ruhig. Die Sonne warf ein gleißendes Viereck über das Parkett. »Ich werde Sie anzeigen.« Er schlug mit der Faust auf den Sessel. »Wegen Hausfriedensbruch.« Er machte eine Pause. »Dann werde ich eine einstweilige Verfügung gegen sie erwirken, die es ihnen verbietet, sich auf eine Entfernung von hundertfünfzig Metern meinem Haus zu nähern.«   
Lucia sah verwirrt auf ihre Hände, als sähe sie sie zum ersten Mal, blickte auf und entdeckte eine Art kalte Intelligenz in seinen Augen. Er konnte sie gestern doch unmöglich vor seinem Haus gesehen haben! »Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen«, entgegnete sie und bemühte sich dabei, ein möglichst ahnungsloses Gesicht zu machen.
»Wollen Sie mich für dumm verkaufen?«, schrie er.
»Lucia überlegte, ob sie jetzt aufstehen sollte, um die Wohnung zu verlassen, oder abwarten, bis er sie rauswarf, und in diesem greifbaren Zwiespalt stieß sie Helga fest in die Seite. »Guck doch endlich!«, sagte sie leise. Lucias Augen folgten Helgas starrem, ja verstörtem Blick, der sich an das Wohnzimmerfenster geheftet hatte; und es rührte Lucia fast der Schlag als sie draußen die Silhouette, nein das Gesicht der Verstorben erblickte, das sich an die Scheibe presste.

Teil 13: Lucia traf Helga am Hauptbahnhof. Sie trug ...

Lucia traf Helga am Hauptbahnhof. Sie trug eine Sonnenbrille, die ihr das Aussehen einer Soloqueen verlieh. Sicher schämt sie sich, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, vermutete Lucia, ließ es aber bei ihrer Vermutung bewenden. Stattdessen berichtete sie ihr vom gestrigen Abend, wie sie hinter dem Haus des Witwers gestanden und ins Wohnzimmer gespäht hatte. Sie erzählte von der mutmaßlichen Geliebten, der innigen Umarmung und schließlich von der Katze, die ihr um Beine gestrichen war, so dass sie für einen kurzen Moment geglaubt hatte, jemand halte sie fest. Wie erstarrt sei sie gewesen. Sie lachte über sich selbst, als sie daran dachte, wie sich ihr Herz zusammengezogen hatte. Doch dann wurde sie schlagartig ernst. »Stell dir vor«, sagte sie, »ich bück mich, um das kleine Wesen zu streicheln und nehm’ aus dem Augenwinkel wahr, dass ich beobachtet werde. Es war eindeutig eine Frau. Ich hab sie genau gesehen. Sie muss die ganze Zeit hinter der Ligusterhecke gestanden haben.« Sie sprach schnell, mit lauter Stimme und in beinahe scharfem Ton.
»Und?«, fragte Helga. In ihren Augen lag ein unbefriedigter halb ängstlicher Ausdruck. »Was ist dann passiert?«
»Nichts! Ich bin natürlich weg. Hättest mal sehen sollen, wie ich aus dem Garten zur Bushaltestelle gewetzt bin.« Sie lachte auf, ein tiefes, kehliges Lachen. »Wie eine Kakerlake auf der Flucht. Zum Glück standen da zwei junge Leute und warteten auf den Bus.«
»Hast du eine Ahnung, wer das gewesen sein könnte?«
»Nein.«
»Eigenartig«, murmelte Helga und tat so, als ob sie nachdenke.
Die beiden alten Damen stiegen in ein Taxi. Lucia konnte ihrer Freundin jetzt, wo sie mit der S-Bahn nach Mainz gekommen war, nicht auch noch zumuten, mit dem Bus nach Drais zu fahren. Das, dachte sie, ist für die feine Wiesbadener Dame einfach zu viel.
Der Wagen bretterte über die Alicebrücke auf die Saarstraße aus der Stadt hinaus. Das Licht über den Feldern war weich wie Wasser.
»Hier soll bald eine Straßenbahn entlangfahren«, sagte Lucia, um Helga für ihre Stadt einzunehmen, und deutete nach draußen. »Mainzelbahn wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach heißen.«
»Mainzelbahn«, wiederholte Helga abschätzig. »Und ich dachte, die Stadt sei überschuldet?«
Lucia zuckte mir der Schulter und gab keine Antwort
Krähen sausten über ihre Köpfe, als sie vor dem Haus des Witwers ausstiegen. Pfeiffer, stand in weißer Schrift auf einem lindgrünen Emailschild geschrieben. Lucia öffnete das Gartentor, ging, dicht gefolgt von Helga, über den Granitplattenweg zur Eingangstür und drückte auf den Klingelknopf. Niemand öffnete. Sie klingelte noch einmal. Diese Mal etwas länger. Erst beim vierten Mal meldete sich Pfeiffers Stimme in der Gegensprechanlage. »Ja?«, fragte er unwirsch.
»Mein Name ist …«, begann Lucia, doch sie brauchte nicht weiter zu sprechen, um zu erklären, dass sie die Trauerrednerin sei, die die Grabrede für seine verstorben Frau halte, denn schon summte der Türöffner. Sie stieß die Tür auf und schob den langen dunkelblauen Samtvorhang beiseite, der den Blick in den Flur versperrte. Eilig inspizierte sie den Boden und die Garderobe, doch von der jungen Frau, die sie gestern beobachtet hatte, war nichts zu sehen, nichts was ihre Existenz hätte verraten können: kein Hut, kein Mantel, keine Schuhe. - Nichts.
Pfeiffer stand mit eingestützten Armen an der Wohnzimmertür, die weit geöffnet war, und schwieg. Er schwieg auch noch, als die beiden Damen ihn freundlich begrüßten und verstellte ihnen absolut reglos den Weg, so erschien es Lucia zumindest. Sie ließ sich aber nicht beirren und schlüpfte mit Helga an der Hand, wie ein trotziges kleines Mädchen, das sich vor nichts fürchtete, an ihm vorbei ins Wohnzimmer, um sich sogleich ganz frech und ohne Aufforderung des Hausherrn mit ihrer Freundin aufs Sofa zu setzen. Ob er mich wohl gestern Nacht in seinem Garten gesehen hat, fragte sie sich, und deswegen so abweisend ist? Sie musterte ihn, als er sich umdrehte, ließ ihren Verdacht aber sofort fallen: Unmöglich! Er konnte sie unmöglich gesehen haben. Es war doch recht dunkel gewesen. Selbst jetzt bei Tageslicht konnte man nur schwer in den Garten hinaus sehen.
»Sagen Sie Herr Pfeiffer«, begann sie und blieb mitten im Satz stecken, denn Helgas Finger gruben sich in ihren Arm, als habe sie etwas entdeckt und wolle ihr ein geheimes Zeichen geben.

Teil 12: Nichts wie weg, dachte Lucia, bevor man ...

Nichts wie weg, dachte Lucia, bevor man mich sieht. Aber dann wurde ihr schlagartig schlecht, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Doch das war auch schon egal. Das Gesicht, das sie anblickte, war keinen halben Meter von der Fensterscheibe entfernt, aber weil es draußen dunkel war, konnte man sie nicht sehen. Zumindest dachte sie das. Sie spürte ein Herzflattern wie sonst nur, wenn sie bei einer Fahrscheinkontrolle ihre Fahrkarte nicht finden konnte. Das Gesicht kam näher, so nahe, dass sie befürchtete, doch noch entdeckt zu werden. Aber nichts dergleichen geschah. Die dunklen Augen schienen einfach durch sie hindurch zu blicken. Erst jetzt sah sie die langen, fast schwarzen Haare. Es ist die Geliebte, dachte sie. Ihr Gesicht war erkennbar gebräunt, als ob sie gerade aus dem Urlaub gekommen wäre, oder von der Sonnenbank. Die ziemlich schmale Stirn, die feine hochgebaute Nase und der etwas vorgeschobene Unterkiefer mit dem betonten Kinn verliehen ihr einen energischen Ausdruck. Die vollen Lippen waren etwas nach rechts geschwungen genauso wie bei … Lucia stockte der Atem. Genauso wie bei der Verstorbenen! Die Frau hier war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Dass Lucia das nicht gleich aufgefallen war! Dann war sie also doch nicht seine Geliebte? Lucia rechnete: Die Frau war etwa 35 Jahre alt, und der Witwer war mehr als 40 Jahre verheiratet gewesen ... Aber er hatte ihr doch gesagt, dass er keine Kinder habe. Wie passte das zusammen? Wenn sie nicht seine Tochter war, dann war seine Frau, die 65 alt geworden war, vor 35 Jahren vielleicht fremdgegangen? Ja, das konnte möglich sein. Aber warum um Himmels Willen hatte er dann beim Trauergespräch nichts davon erzählt? Sie hatte ihn doch gefragt, ob sie beide Kinder hätten. Eine außereheliche Tochter konnte man doch nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen! Besonders im Angesicht des Todes. Oder aber es war doch seine Geliebte? Und er blieb nur seinem Geschmack treu. Das hatte man ja oft, dass die Geliebte zwar jünger war, aber doch ganz so wie die Ehefrau aussah. Den Dingen und seinem Geschmack treu zu bleiben, hieß auch, sich selbst und seiner Herkunft treu zu bleiben.
Lucia stand seitlich von ihr im Dunkeln und konnte genau genommen nicht viel erkennen, hatte aber den Eindruck, dass sie erregt war. Sie meinte, sie weinen zu sehen. Sie hätte ihr eine Träne wegtupfen können, so nahe war sie. Und Lucia war ziemlich sicher, sie würde sie, wenn sie sich nicht bewegte, auch weiterhin nicht bemerken, weil sie ja von Schatten verborgen war, und so stand sie still, während sich die junge Frau gedankenverloren die langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz band. Lucia schaute ihr ins dunkle Gesicht, bis sie ganz sicher war, dass sie Kummer hatte. Sie biss sich auf die Unterlippe, sie stierte vor sich hin, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Vielleicht hatte sich die junge Frau mit dem Witwer im Flur gestritten, dachte Lucia, nur kurz, denn hier draußen hatte sie von einem Streit nichts mitbekommen.
Der Witwer betrat den Raum mit einem Glas Rotwein in der Hand. Er schrie etwas, was Lucia nicht verstand.  Also doch ein Streit, dachte sie.
Die junge Frau drehte sich um, entgegnete ihm etwas, aber weniger laut. Nur einige Wortfetzen drangen nach draußen wie »…noch gar nicht glauben!« oder »Warum hast du mir das nicht gesagt?«, worauf sich Lucia keinen Reim machen konnte.
Er entgegnete ihr nicht sofort, er schien die Worte in seinem Rotweinglas zu suchen. Dann lächelte er. Aber vielleicht verzog er auch einfach nur das Gesicht. Lucia konnte es nicht erkennen. 
Die junge Frau ging auf ihn zu, ganz nah. Sie war etwas größer als er. Sie legte ihm die Arme um den Hals, lehnte sich leicht zurück und warf den Kopf aufreizend in den Nacken, so als ob er sie jetzt seitlich auf den Hals küssen sollte.
Lucia stand in der Dunkelheit versteckt und wartete, dass sich ihre Vermutungen bestätigten, dass er sie küsste wie es nur Liebespaare tun, dass er sie auszog …  Schon von der Vorstellung wurde ihr schwindelig. Sie widerte sich selbst an. Sie war doch kein Voyeur! Schluss jetzt! Aber dann würde sie nie erfahren… Lucia spürte plötzlich einen Griff um ihre Beine. Jemand hielt sie fest.

 

Teil 11: Lucia stand in der eisigen Kälte vor dem Haus, ...

Lucia stand in der eisigen Kälte vor dem Haus des Witwers, den Kragen ihres Mantels hochgeschlagen und die schwarze Handtasche in der Hand. Ihr Atem hing weiß in der Luft, und sie zitterte. Sie war wieder ganz die Alte. Die Erregung, die von Helga ausgegangen war, als sie das Porträt der Verstorbenen betrachtete, hatte Lucia angesteckt. Wenn Helga wirklich Recht hatte und die tote Anwaltsgattin und die Stadtstreicherin ein und dieselbe Person waren, dann war da etwas faul, und zwar gewaltig. Daher wollte Lucia nicht bis zum nächsten Morgen warten. Sie hatte Helga, ohne sie über ihre Absichten zu informieren, vor dem Maldaner mit zwei Küsschen rechts und links verabschiedet und war zum Bahnhof geeilt, dort in die S8 gesprungen, die dieses Mal nicht von Gleis 3, sondern Gleis 1 abgefahren war, um am Mainzer Bahnhof in die Linie 54 zu steigen, die sie hier nach Drais gebracht hatte.
Das kleine Reihenhaus am Ende der Straße hatte die übliche Bepflanzung verpasst bekommen, ein paar Sträucher und eine Birke im Vorgarten, das war alles, - kein Rasen, dafür aber Kies. In einiger Entfernung etwas abseits vom Schein der Straßenlaterne beobachtete Lucia, ob sich etwas im Hause tat, ob jemand ein- oder ausging. Aber nichts dergleichen geschah. Sie dachte an das gestrige Trauergespräch und überlegte, ob der Witwer irgendetwas über die Todesursache seiner Frau erzählt hatte. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern.
Sie wartete etwa eine Stunde, bis es richtig dunkel war. Dann ging sie links um das Haus herum, um einen Blick vom großen Wohnzimmerfenster, das nach hinten auf den Garten hinausging, in das Innere zu ergattern, ohne dass man sie von der Straße aus bemerkte. Sie musste vorsichtig auftreten, damit der Kies nicht knirschte: nicht dass irgendwer ihre Schritte hätte hören können. Die Vorhänge waren geschlossen. Einen schmalen Spalt, weniger als eine Handbreit, zwischen Vorhang und Fensterrahmen, mehr hatte sie nicht, mehr würde sie auch nicht mehr bekommen, so kam es ihr jedenfalls vor. Sie konnte eine Ecke des Sofas erkennen und einen Schatten, der sich in einem schmalen Lichtstreifen bewegte, der vom Flur ins Wohnzimmer fiel. Sonst nichts. Dafür hörte sie jetzt eine Frauenstimme, die aus dem Fenster um die Ecke zu kommen schien. Lucia tat einen Schritt zurück und drehte sich leicht zur Seite. Das Fenster war schmal und hoch. Wahrscheinlich ein Badezimmerfenster, dachte sie, denn es war beschlagen. Sie stellte die Handtasche auf den Kiesboden und ging um die Ecke. Von der Körpergröße her, musste sie wohl in der Lage sein, einen Blick hindurch zu werfen, und es sah nicht so aus, als ob sie jemand dabei erwischen könnte. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen und sich mit beiden Händen irgendwie an der Hauswand festhalten, um das Kinn über das Fensterbrett zu bringen. Dann sah sie eine nackte Frau, schemenhaft, den Rücken ihr zugewandt. Sie musste gerade aus der Dusche getreten sein. Das dunkle fast schwarze Haar hing ihr nass und glatt fast bis zur Taille.
Es ist seine Geliebte, schoss es Lucia durch den Kopf. Der Witwer hatte weder von einer Tochter, noch Schwiegertochter, geschweige denn von Kindern gesprochen. Mit Tränen in den Augen hatte er gesagt, dass er jetzt alleine sei, ganz alleine. Dabei hatte er an seinem Ehering gedreht und ihn zittrig an seinem Finger auf und ab geschoben.
Lucia versuchte das Gesicht der Nackten, oder zumindest die Form des Kopfes, zu erkennen und drückte sich mit aller Kraft etwas nach oben. Die Hände taten weh. Sie wusste, wenn sie jetzt losließe, würde sie kaum mehr den Mut aufbringen, sich noch einmal hochzuziehen. Zwei oder drei Minuten hielt sie aus, dann ließ sie los. Sie eilte zurück zum Wohnzimmerfenster dieses Mal auf die Seite, wo die Vorhänge straffer hingen. Obwohl der Sehschlitz hier schmaler war, war der Blickwinkel besser, um in den beleuchteten Flur spähen zu können. Und da war sie dann auch wieder, die Nackte, mittlerweile aber angezogen, so schien es Lucia zumindest, und gleich dahinter der Witwer in einem dunklen Anzug. Die beiden verschwanden kurz darauf. Absätze klapperten über den Parkettboden. Das Geräusch kam näher und verstummte. Plötzlich ging das Licht an. Eine Hand zog den Vorhang beiseite. Und Lucia sah jemandem direkt ins Gesicht.

 

Teil 10: Es war, als ob alle Geräusche des Cafés die ...

Es war, als ob alle Geräusche des Cafés die plötzlich eintretende Stille abgewartet hätten: das Gewirr der Stimmen an den Nebentischen, das Geplärre des kleinen Mädchens, das von seiner Mutter zur Toilette gezerrt wurde, das Geklapper der Kuchengabeln, selbst die sanften Schritte des Kellners, der mit seinem vollen Tablett den Hindernissen, die ihm den Weg versperrten, geschmeidig in einer Art Schlangenlinie auswich; all dies drang klar an Lucias Ohr, während sie in Helgas Gesicht zu lesen versuchte. Meinte ihre Freundin es wirklich ernst? Oder wollte sie sie nur zum Narren halten? Schließlich fragte sie: »Was willst du damit andeuten? Wer soll das denn sein?«
Mit einer spöttischen Geste reichte ihr Helga das Bild zurück. »Schau es dir genau an«, sagte sie. »Du bist doch die Möchtegerndetektivin.«
Lucia starrte auf das Porträt der Verstorbenen: eine imposante Erscheinung mit welligem, geschmackvoll gebläutem Haar und bräunlichem Teint, der sie in ihre ganzen vornehmen Fülle frisch und blühend aussehen ließ. Aufs prächtigste korrespondierte die markante Römernase mit der hohen Stirn und den gezupften Brauen, welche die grünen Augen wie gotische Rundbögen umspannten. Lucias schnellem und kritischen Blick entging nichts, was auf der Fotografie zu sehen war, auch nicht das Gemäuer im Hintergrund. Allem Anschein nach musste es sich dabei um den Kreuzgang im Mainzer Dom – oder im Kloster Eberbach handeln. So genau konnte sie es dann doch wiederum nicht erkennen. Auf alle Fälle kamen ihr die sandsteinfarbenen Arkaden bekannt vor. Sie zog die Brille aus und hielt sich das Bild direkt vor die Augen, und machte in dem Gesicht der Verstorbenen nach einer Weile eine verborgene Zaghaftigkeit aus, ein Gesichtszug, der ihr irgendwie vertraut war, auch der unbefriedigte, halb ängstliche Ausdruck der Augen. Sie zog die Brille wieder auf und richtete einen fragenden Blick auf Helga. Jetzt wusste sie, woher sie den Gesichtsausdruck kannte. - Helga! Warum sie nicht gleich darauf gekommen war! Diese Art beklommene Zurückhaltung wie hier auf dem Foto hatte sich oft genug in dem Gesicht ihrer Freundin gespiegelt, besonders um die Mundwinkel, wenn sie, Lucia, sich wieder einmal zu unüberlegten Handlungen hatte mitreißen lassen. Aber die Person auf dem Bild kannte sie wirklich nicht; hatte sie noch nie gesehen. »Hilf mir doch bitte mal auf die Sprünge«, sagte sie.
»Kannst du dich wirklich nicht erinnern?«, fragte Helga.
Lucia schüttelte den Kopf.
»An diese Frau mit der unförmigen Jacke? Bevor wir in das Haus der verstorbenen Frau Glanzner eingedrungen sind. Deren Füße in billigen Plastiklederschuhen steckten? – Die Stadtstreicherin, die auf dem Boden kauerte, um irgendwelches Grünzeug auszurupfen? Kannst du dich wirklich nicht mehr erinnern? Und du hast noch gemeint, sie steche Feldsalat, um sich das Geld fürs Gemüse zu sparen.« Helga sprach langsam, mit einer glühenden und leisen Stimme, die Lucia zwang genau zuzuhören. Es hatte den Anschein, als umschlösse sie auch noch das unbedeutendste ihrer Worte mit der gleichen Aufmerksamkeit, mit der sie die Stadtstreicherin beobachtet hatte.
»Ja, sicher kann ich mich an sie erinnern«, entgegnete Lucia. »Aber diese Frau hier auf dem Bild, die Anwaltsgattin, hat doch rein gar nichts mit dem sonnengegerbten, grobknochigen Gesicht der Stadtstreicherin zu tun. So weit ich es noch im Gedächtnis habe, hatte sie Blutergüsse um die Augenhöhlen, zumindest sah es im harten Sonnenlicht so aus. Als ob man sie geschlagen hätte. Ich kann mich aber auch täuschen. Meine Sehkraft ist nicht mehr so gut wie früher.«
»Genau die meine ich«, entgegnete Helga aufgewühlt. »Sieh doch hin.« Sie deutet auf die Fotografie. »Eine gewisse Ähnlichkeit ist doch nicht zu verleugnen.« Unruhig rutschte sie auf dem Caféhausstuhl hin und her, mit einem seltsamen Glanz in den Augen, der Lucia an ein Spiel mit vertauschten Rollen denken ließ, so dass sie beinahe laut gelacht hätte.
»Was hast du?«, fragte Helga etwas säuerlich. »Machst du dich über mich lustig?«
»Nein, ganz und gar nicht. Aber ansonsten bist du doch immer die Bedenkenträgerin, die –«, sie machte eine Pause, »die an meinen – wie du immer sagst – haltlosen Verdächtigungen zweifelt. Morgen habe ich ein zweites Trauergespräch mit den Hinterbliebenen. Du kannst ja mitkommen, um dir ein Bild zu machen.«

Teil 9: Helga stieß scharf die Luft aus. »Was haben ...

Helga stieß scharf die Luft aus. »Was haben wir denn übersehen?«, fragte sie, und eine Spur von Gereiztheit klang durch ihre Stimme.
»Die Kiste -«, entgegnete Lucia.
»Fängst du jetzt wieder damit an!«, unterbrach sie Helga, packte sie am Arm und sah sie beinahe entsetzt an. »Ich dachte, die kleine Episode im Haus der Verstorbenen hätte dich endlich kuriert! Aber nein, die Dame findet kein Ende. Die fixe Idee, dass der gute Herr Schröder seine Großmutter erschlagen hat, ist so tief in deine Seele eingedrungen wie ein Nagel in die Wand. Deswegen hätte ich ihn beinahe tot geschlagen.« Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen. Sie hatte furchtbar schnell gesprochen. »Ich hoffe, dass du mich nie mehr in eine solche Notlage bringst.«
»Aber -«, begann Lucia eingeschüchtert, verstummte aber sofort. 
»Aber was?«
»Das ist es doch gerade. Morde sind vor allem Beziehungsdelikte. Denn die größte Gefahr geht von Menschen aus, die uns am nächsten sind. Zu Beginn des Lebens sind es die Eltern, in der Mitte des Lebens der Ehepartner, später dann die Kinder oder Enkelkinder. Mörder und Totschläger sind eben nicht die Leute mit der Verbrechervisage, mit angewachsenen Ohrläppchen, tiefliegenden Augen und fliehender Stirn.«
»Das schlägt dem Fass den Boden aus!«, entgegnete Helga. Sie wirkte mehr als aufgebracht. »Du drehst es so, wie du es gerade brauchst. Letzte Woche hast du hier«, sie stand auf, »an diesem Tisch genau das Gegenteil behauptet, dass Herr Schröder wie ein Mörder aussehe.«
»Hab ich das?« Lucia blieb gelassen. Da zuckte kein Muskel, kein Lidschlag zeigte Betroffenheit oder etwas Ähnliches. Helga würde sich bald wieder beruhigen. Sie winkte den Kellner zu sich, der sie wie eine alte Freundin begrüßte und bestellte ein Kännchen Kaffee und zwei Sachertorten, denn der verbackene Zucker würde sie beide beruhigen. »Tötungsdelikte«, fuhr sie fort, als der Kellner wieder gegangen war, »begehen meist diejenigen, die sich zuvor nichts haben zuschulden kommen lassen. Ganz normale Menschen wie du und ich, von denen jeder behaupten würde: Der? - Niemals!«
Helga funkelte Lucia wütend an. »Willst du mir jetzt wieder einmal weismachen, dass ich eines Mordes fähig bin?« Sie stützte ihre Hände auf den Tisch und beugte sich zu Lucia hinunter. »Du bist krank! Ja, du hast richtig gehört, krank. Ein Fall für den Psychiater. All die Morde, von denen du sprichst, existieren nur in deinem Kopf. Das haben wir ja gesehen! Lauter Hirngespinste, in die du dich verstrickst hast und aus denen du nicht mehr heraus kannst.«  
Lucia verzog das Gesicht. Sie wollte etwas Wichtiges entgegnen, ihre Freundin davon überzeugen, dass alles doch sehr gut möglich sein könne, in diesen unsicheren Zeiten, wo die Zeitungen jeden Tag über irgendein Verbrechen berichteten, ließ es aber fallen, als der Kellner den Kaffee und die Torten auf den Tisch stellte. »Danke«, sagte sie nur, während er eine leichte Verbeugung machte, um sogleich mit dezenter Selbstsicherheit zu entschwinden. Vielleicht ist alles ja doch eine fixe Idee, dachte sie, und ich bin wirklich krank. Vielleicht sind meine Vermutungen ja wirklich Vorurteile, die von dem beeinflusst sind, was ich über Verbrechen denke. Lucia spürte, dass sie vor Scham errötete. Sie würde niemals wieder jemanden beschuldigen! »Du hast Recht«, sagte sie lapidar. »Es tut mir wirklich Leid. Ich sollte mich wirklich um wichtigere Dinge kümmern, wie etwa meinen neuen Trauerfall. Eine ältere Dame. Eigentlich kaum älter als wir. Sie hinterlässt einen Ehemann, einen früheren Anwalt, mit dem ich gestern schon gesprochen habe. Er muss sie sehr geliebt haben. Seine Augen waren voller Tränen, als er von ihr erzählte, und seine Stimme zitterte. Ich werde ihm zur Seite stehen. Die Trauerzeremonie, bei der ich, obwohl sie eine Katholikin war, eine Rede halten soll, findet am Grab in engstem Kreise statt.« Sie reichte Helga ein Bild. »Eine stattliche Frau, nicht wahr?«
Helga zuckte zusammen, als sie das Bild in den Händen hielt. »Menschenskinder«, sagte sie. »Die kennen wir. Aber nicht als Anwaltsgattin, sondern - « Sie hielt einen Moment inne. »Da stimmt etwas nicht!«
Lucia war verwirrt, ja, sie spürte sogar einen herrlichen Anflug von Erregung. Ein neuer Fall? Trotzdem blieb sie ruhig und blickte ihre Freundin argwöhnisch prüfend an. Sollte Helga sie auf die Probe stellen?

 

Teil 8: Lucia hörte, wie jemand ihren bloßen ...

Lucia hörte, wie jemand ihren bloßen Nachnamen kreischte, als sei sie auf dem Fußballplatz, »Herzer, Herzer!« und beeilte sich die vereiste Treppe vom Eisgrubweg zur Weißliliengasse hinunterzukommen. Mit der einen Hand umklammerte sie das Geländer, mit der anderen die kleine Kiste, die sie im Schuppen der verstorbenen Frau Glanzner gefunden hatte. Sie sah sich um und erblickte im Licht der Gaslaterne einen großen kräftigen Mann, der hinter ihr die Treppe heruntergesprungen kam. Noch nie hatte sie im Gesicht eines Menschen so eine Wut gesehen. Dann war er direkt hinter ihr und streckte die Hand aus, um die Kiste zu packen. Sie fuhr herum, um seinem Zugriff auszuweichen, etwas zu heftig, und glitt aus. Drei, vier Stufen fiel sie hinunter und blieb reglos liegen. Die unterste Stufe war unter ihrem Kopf wie ein Kissen, der Rest ihres Körpers lag ausgestreckt auf dem gepflasterten Gehweg.
»Rührend nicht«, sagte der Mann über sie gebeugt, »wie Sie vor mir auf den Boden gehen!« Seine Stimme klang für Lucia aber nicht so, als fände er es besonders rührend. Tatsächlich lag in seinem Ton so viel Bitterkeit, ja Bösartigkeit, dass es ihr kalt über den Rücken lief. »Ein einfacher Gruß hätte doch gereicht«, fügte er mit nun ziemlich unverhohlener Feindseligkeit hinzu. »Oder eine Verbeugung, wenn es denn die Etikette erfordert!« Er lachte und setzte sich mit einer geschmeidig elastischen Bewegung neben sie. »Wer solche vortreffliche Manieren an den Tag legt, tut seinen geliebten Mitmenschen doch sicherlich hin und wieder einen Gefallen. Nicht wahr, Frau Herzer?«
Lucia nickte so gut es ging und strengte ihre Augen an, um den Mann erkennen zu können, doch sein Gesicht war zu nahe und das Licht der Straßenlaterne blendete sie. Das Einzige, was sie sah, war ein sonderbar viereckiger Kopf mit einem gierig bösartigen Kindergesicht mit weißen Wimpern und von Alkohol oder vor Kälte geröteten Augen. Er roch nach Bier oder billigem Parfum. So genau konnte sie beides nicht voneinander unterscheiden. Ein vertrauter Geruch. Für einen Moment erinnerte sie sich an Herrn Schröder, den Gärtner. Aber der war kleiner und nicht so stark, wie dieser Mann, dessen festen Griff sie um ihre Hand spürte.
Sehr schön!«, sagte er. »Dann geben Sie mir doch bitte die Kiste!«
»Nein, nein«, sagte Lucia schnell, als habe sie das Gefühl, zu weit gegangen zu sein. »Ich weiß nicht, wo sie ist, ehrlich. Ich weiß es wirklich nicht.« Den letzten Satz begleitete sie mit einem langen Blick, als wolle sie ihn davon überzeugen, dass es sowieso sinnlos sei, nach der Kiste suchen.
»Du lügst! Das ist aber nicht höflich.« Er hielt einen Pflasterstein in die Höhe. »Du glaubst gar nicht, wie schön sich das Geräusch von Kniescheiben anhört, die zerschmettert werden, Schätzchen. - Also, wo ist die Kiste?«
Lucia schloss die Augen und schüttelte den Kopf, und er schlug zu, einmal, zweimal, aber nicht auf eine der beiden Kniescheiben, wie er es angedroht hatte, sondern auf die rechte Schulter. »Also, wo ist die Kiste?« Sie krümmte sich vor Schmerzen. Dann plötzlich sprang die Kiste aus ihrer Hand und purzelte mit einem durchdringenden metallenen Geräusch wie bei einem alten Wecker die Treppe hinunter auf den Gehsteig. Sie öffnete die Augen und befand sich in ihrem Bett. Sie hatte alles nur geträumt! Das Gefühl des Erstickens, das die Angst im Moment des Aufwachens in ihr aufsteigen ließ, schob sie schnell zur Seite und sprang aus dem Bett.
Den ganzen Tag fühlte sie sich beunruhigt, und auch ihre Schulter schmerzte. Sie dachte noch über den seltsamen Traum nach, als sie wie jeden Dienstag-nachmittag das Wiesbadener Maldaner betrat. Ihr Gesichtsausdruck war verschwommen und abwesend, als Helga sie nach ihrem Befinden befragte.
Lucia blickte ihre Freundin ein paar Sekunden lang völlig leer an, bevor sie sich sammelte. »Ich schlafe schlecht«, antwortete sie. »Wenn ich keine Alpträume habe, dann liege ich nachts wach, weil ich immer daran denken muss, was uns in dem Haus der verstorbenen Glanzner widerfahren ist.« Sie machte eine Pause und in dem Moment fiel ihr ein, dass sie und Helga die Kiste vergessen hatten, die sie hinter dem Strauch an der Eingangstür des Glanznerhauses versteckt hatten. Plötzlich sagte sie: »Helga, ich glaube, wir haben etwas übersehen!«

 

Teil 7: Das Einzige, was Lucia spürte, war eine ...

Das Einzige, was Lucia spürte, war eine unbeschreibliche innere Leere. Schwermut und Verzweiflung überwältigte sie, als sie den leblosen Körper des Gärtners vor dem Schrank liegen sah, und dann Helga, die neben ihm stand: Ihr Gesicht war mit roten Flechten überzogen. Sie musste ihn fallen gesehen haben, hatte aber nichts getan. »Du Schwein!«, zischte sie. Ihr Sinn für perfekte Höflichkeit, der sie bei allen ihren Handlungen leitete, hatte sie im Stich gelassen. »Du Schwein!« wiederholte sie, dann trat sie hinter sich, als halte sie jemand an den Knöcheln gepackt. Erst jetzt sah Lucia, dass ihre Freundin eine Stange in der Hand hielt, an deren Ende ein Haken angebracht war, mit dem man ansonsten eine Dachluke öffnete.
»Helga, was hast du getan!«, rief sie, nahm ihre Hand aus der Jackentasche, die immer noch um den Brieföffner gekrallt war, und stürzte auf den reglosen Körper zu, um eventuelle Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen zu können.  
»Ich, ich …«, stammelte Helga verstört und in dem Moment stand er blitzschnell auf, schob Lucia beiseite, klopfte sich den Staub aus der Jacke und zog die Hose glatt, als sei nichts geschehen.
»Das hätte auch in die Hose gehen können!«, sagte er lachend und wischte sich etwas Blut aus dem Gesicht.
»Ich, ich wollte Ihnen nicht wehtun«, sagte Helga immer noch verdattert, »aber - «
»Schwamm drüber«, unterbrach er sie. Er hielt einen Moment inne und wurde ernst, dann drehte er sich zu Lucia. Sein Gesicht war finster. »Lassen Sie mich jetzt einfach in Frieden, ansonsten werde ich dafür sorgen, dass Sie nie wieder als Grabrednerin tätig sein können. Ich halte es nicht für nötig, Ihnen die Namen jener einflussreichen Mainzer Persönlichkeiten aufzuzählen, mit denen ich als langjähriges Mitglied von Mainz05 regelmäßig verkehre.« Er sah sie lange an, mit einem prüfenden Blick, als ob er sie zum ersten Mal sähe, und sie begriff die Ernsthaftigkeit dieses Blickes; etwas blass geworden, sah sie zu Boden und wartete ab. Wie eine Mahnung hob er dann den Zeigefinger. Seine Lippen waren aufeinander gepresst und die ganze Hand zitterte. »Wenn Sie nicht …«, fuhr er fort, doch die unausgesprochene Drohung erstarb ihm in der Kehle. Der einzige Laut, der sich seinen verzerrten Lippen entrang, war ein gepresstes Schluchzen.
Lucia blickte Helga fragend an, die an die Wand zurückgewichen war.
»Ich hätte«, sagte er. »Ich hätte ihr nie etwas tun können. Sie war meine Großmutter, meine Stiefgroßmutter.« Es herrschte Stille. Seine Blicke kreuzten sich mit dem von Lucia, und sie sah ihn unverwandt an, ganz ruhig und unerschütterlich. Er schien zu erkennen, dass keines seiner Worte auch nur den geringsten Eindruck auf sie gemacht hatte. »Glauben Sie, ich hätte jemanden mit der Grabrede betraut, wenn ich sie …« Er machte eine Pause. »Wenn ich sie umgebracht hätte!«
Aber Lucia glaubte ihm nicht. Erst als er ins Schlafzimmer ging, um ihr das Bild vom Frisiertisch zu holen und ihr anschließend vor die Nase hielt, dämmerte ihr, dass sie sich geirrt hatte, dass er kein Mörder war. Denn die Frau, die auf dem Bild neben den Glanzners zu sehen war, trug eindeutig seine Gesichtszüge. Er zog ein paar gerahmte Fotos aus seiner Jacke, die deswegen so ausgebeult war und hielt sie ihr ebenfalls unter die Nase. »Sehen Sie«, sagte er, als er zu schluchzen aufgehört hatte, und deutete auf die Frau, die dieses Mal nur neben Herrn Glanzner stand. »Verstehen Sie jetzt?«, fragte er. »Das ist meine Großmutter!«
Lucia spürte, wie sie vor Scham errötete. Sie hatte sich schlichtweg getäuscht. - Oder etwa nicht?
Unten im Wohnzimmer erzählte er den beiden Frauen, dass seine Großmutter ein Verhältnis mit Herrn Glanzner gehabt habe. Das Produkt sei sein Vater gewesen. Frau Glanzner habe davon erfahren und ihren Mann vor die Probe gestellt, und dieser habe sich dann gegen seine Großmutter und seinen Vater entschieden. »Mein Großvater durfte seinen Sohn, meinen Vater nie sehen«, sagte Schröder mit Tränen in den Augen. »Meine Stiefgroßmutter hat diese Forderung nach dem Tode meines Großvaters bitterlich bereut und meinen Vater gesucht, der vor fünfzehn Jahren gestorben ist, und schließlich mich gefunden. Und weil sie sich geschämt hat, durfte niemand erfahren, was geschehen war, und dass ich ihr Stiefenkel bin.«  
Lucia hörte ihm zu, suchte dabei nach Fehlern. Irgendetwas kam ihr Spanisch vor.

 

Teil 6: Lucia befand sich plötzlich im dunklen Flur, ...

Lucia befand sich plötzlich im dunklen Flur, die Arme wie im Polizeigriff auf den Rücken gebogen. In den nächsten Sekunden wurden ihre Füße weggeschlagen und sie fiel der Länge nach hin. Sie spürte ein Knie zwischen den Schulterblättern und einen spitzen Gegenstand, der gegen ihren Nacken drückte.
»Was machen Sie hier?« Die dünne Stimme war messerscharf. »Was machen Sie hier?«
Lucia wagt nicht sich zu bewegen, geschweige denn zu atmen. Ihre Schulter schmerzte. Dann ein gezischter Fluch, der nachlassende Druck.
»Frau Herzer, sind Sie das?«
Lucia drehte sich leicht zur Seite, konnte aber wegen der Dunkelheit im Flur nichts erkennen. Ihre Schulter schmerzte immer noch.
»Ach, Sie sind das!« Die Stimme klang erleichtert. »Und ich dachte, es wären Einbrecher!«
Sie stützte sich auf die Arme, um wieder auf die Beine zu kommen, da packte sie eine kräftige Hand um die Hüfte und zog sie nach oben. Sie wusste auch nicht, wie ihr geschah, dann stand sie auf dem Boden. Gleich darauf ging das Licht an. Ihre Knie waren weich, und sie hatte zunächst nicht den Mut, ihren Blick zu erheben. Schließlich sah sie ihm ins Gesicht. Es war der Gärtner, wie sie schon aufgrund der kräftigen Hand vermutet hatte. Er hatte rote Soße, vielleicht Ketchup, am Kinn und Ärger im Blick.
»Sie haben sich hoffentlich nicht weh getan«, sagte er. »Ich konnte ja nicht wissen …« Er hielt inne, als ob er nachdenke.
Sie blickte sich verunsichert um und tat einen Schritt zurück. Wo war Helga? Sie konnte sie nirgends sehen.
»Ist doch auch egal«, sagte er mehr zu sich selbst als zu Lucia und schüttelte den Kopf »Eigentlich sind Sie ja wirklich hier eingebrochen!« Er ging auf Lucia zu, kam ihr ganz nahe. Sein Atem roch nach Bier.
Sie blickte nach unten, um dem Bierdunst auszuweichen und sah auf die vollgestopften Taschen seines billigen Sportjacketts. Eine hing schwer herunter, als ob … Sie mochte nicht weiterdenken. Eine Waffe? Die Wände schienen eng beieinander und der Abstand zu ihm viel zu kurz. Sie tat noch einen Schritt zurück, dabei steckte sie ihre Hand in die Jackentasche, bis sie sich tastend endlich um etwas Dickes und Schweres schloss. Seit jenem Julimorgen im Garten der Wiesbadener Villa hatte sie beschlossen, sich zu ihrem eigenen Schutz zu bewaffnen. Eine Pistole war nicht in Frage gekommen, zumal sie keinen Waffenschein hatte. Außerdem verstand sie es auch nicht, mit Feuerwaffen umzugehen. Ein Briefbeschwerer eignete sich da schon viel besser, ganz gleich zu welchem Zweck.
»Was haben Sie hier zu suchen?« fragte er eindringlich. »Und erzählen Sie mir bitte keine Märchen.«
Lucia spürte, wie sie bei seinen Worten heiße Wangen bekam. Sie wollte etwas erwidern, konnte es aber nicht. Sie wartete nur darauf, dass er ein Messer zückte. Aber nichts dergleichen geschah.
»Sie wissen, dass sie nicht hier sein dürfen«, lallte er.
Sie nickte.
Dann sagte er mit gepresster Stimme, »Hausfriedensbruch«, als ob ihm nichts Besseres eingefallen wäre. Erst jetzt merkte sie, dass er betrunken war.
»Die Tür war offen«, sagte sie schnell. Ihre Stimme zitterte.
Er lachte auf und murmelte etwas von hysterischen Weibern und lebhafter Fantasie. »Ich weiß, warum Sie hier sind«, sagte er, »Sie und ihre Freundin, und das passt mir ganz und gar nicht.« Daraufhin brachte er ein paar unzusammenhängende Laute hervor, die Lucia zunächst nicht verstand, dann aber wurde ihr klar, dass er von dem Fußballspiel sprach. Ivanschitz habe gerade das eins zu null geschossen, als ihn eine Nachbarin verständigt habe, dass Einbrecher im Haus seien. Er sei sofort hierher gefahren. Er werde Lucias Spiel nicht länger mitspielen. Wenn sie und ihre Freundin nicht sofort aufhörten, ihn in aller Öffentlichkeit als Mörder vorzuführen, sähen sie alle beide einer Verleumdungsklage entgegen, die sich gewaschen habe. Er hob die Hand, als ob er sie schlagen wollte, zumindest glaubt sie das. Einen Augenblick lang wartete sie ängstlich auf den Schlag, aber er kam nicht. Dann ging alles ganz schnell. Sie duckte sich, drehte sich dabei etwas zur Seite und sah, wie er auf sie zuwankte, an ihr vorbei, und am Schrank abprallte, der neben ihr stand. Wie eine schlaffe Stoffpuppe rutschte er an ihm entlang nach unten. Erst als er auf dem Boden gelandet war, war ein Laut zu vernehmen, und dann auch nur ein dumpfer Knall, wie wenn jemand einen hüfthohen Sack Mehl fallen lässt.

 

Teil 5: Eine seltsame, süße Erregung kitzelte Lucia ...

Eine seltsame, süße Erregung kitzelte Lucia im Magen, als sie in den dunklen Korridor hineinspähte. Sie hatte das sichere Gefühl, dass sie im Haus der Verstorbenen noch etwas finden würde, was ihren Verdacht erhärtete. Sie tat einen beherzten Schritt nach vorne, dann noch einen.
»Halt!«, protestierte Helga und zog an Lucias Jacke. »Die Polizei hat nichts gefunden. Wir werden auch nichts finden. Wenn es irgendwelche Spuren geben sollte, die darauf hindeuten, dass der Gärtner Frau Glanzner getötet hat, dann kommen sie ganz sicher an die Öffentlichkeit.«
Lucia riss sich los. »Bist du dir da sicher«, sagte sie schnippisch. »Die Polizei hat es noch nicht einmal für nötig empfunden, danach zu suchen!« Ihr Atem ging schnell.
»Diese Wahnvorstellung sitzt bei dir tiefer, als ich dachte«, sagte Helga und hielt inne, als ob sie nicht in der Lage sei, weiterzusprechen. Dann sagte sie leise: »Das ist krankhaft!«
Lucia spürte, wie sich ihre Augen zu Schlitzen verengten. »Was soll das? Willst du damit sagen, dass ich verrückt bin?« Sie neigte den Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch das dichte Silberhaar. »Solche Behauptungen kann ich absolut nicht ausstehen, Helga. Soll sich dein Beitrag an den Ermittlungen lediglich in Vorwürfen erschöpfen? Denk mal an die Kiste! Und was wir sonst noch herausgefunden haben: Dass er Alleinerbe ist und ein Casanova… Ist das etwa nichts? Sicher hat er sich mit Glücksspiel ins Verderben gestürzt. Wenn das kein Motiv für einen Mord ist, dann – «
»Aber«, unterbrach sie Helga ernst, »das sind doch nur Klischees.«
»Klischees hin oder her! Für mich ist er ein Witwenmörder, Punktum. Entweder du hilfst mir, oder du hilfst mir nicht.«
Lucia verschwand im Innern des Hauses und Helga folgte ihr, wieder einmal, dabei sah sie sich ängstlich um. Linker Hand öffnete sich ein großer Salon, wo Mahagoni und Silber schimmerten. Alles sah aus wie beim letzten Mal. Nichts deutete auf ein Verbrechen hin. Es herrschte eine tiefe Stille, die Lucia schon, als sie die merkwürdigerweise unverschlossene Tür aufgestoßen hatte, feindselig vorgekommen war. Sie räusperte sich und zuckte zusammen, als das Echo durch das große Zimmer hallte, das ihr plötzlich erstickend heiß vorkam. »Das schöne Haus war eigentlich viel zu groß für sie«, sagte sie, um die Stille zu durchbrechen. »Ihr Mann hat es ihr hinterlassen, als er vor zehn Jahren starb.«
Sie kamen zur Treppe. »Ist sie hier heruntergestürzt«, fragte Helga mit zitternder Stimme. »Du meinst, ob er sie hier heruntergestoßen hat«, entgegnete Lucia.
»Wie du willst.« Es klang resigniert. Helga tat einen Sprung, dann folgte sie Lucia die Treppen hinauf. Oben gleich links war das Badezimmer. Auf dem Hocker lag ein Schlafanzug, über der Wanne hing ein Handtuch zum Trocknen. Schreckliche Alltäglichkeit. Sie gingen weiter ins Schlafzimmer. Es war dunkel. Die Läden waren geschlossen. Lucia machte Licht. Das Bett war ordentlich gemacht und mit einer Tagesdecke bedeckt. Lucia besah sich alles, auch die adrett im Schrank aufgehängten Kleider. Sie ging zu der teuer aussehenden Handtasche, die auf dem Mantel auf dem Bett lag und öffnete sie. Sie kam sich fies vor, das Eigentum einer fremden Frau zu durchwühlen, auch wenn sie tot war. Trotzdem, es musste sein. Sie spähte zuerst in die Geldbörse und sah ein paar Scheine. Nicht viele. Er hatte sie drin gelassen. Dann zwei Taschentücher, ein Schlüsselbund und ein Gebetbuch. Sie war im Begriff, in die Kirche zu gehen, dachte Lucia und ging zu dem zugezogenen Vorhang im hinteren Teil des Raumes. Sie zog den Vorhang auf und betrachtete den Raum dahinter. Hier war nichts außer einem Frisiertisch, auf dem ein Bild stand. Lucia spürte, wie ihr Blick davon angezogen wurde, obgleich nichts Besonders dran war: ein paar lachende Gesichter. Aber zwischen diesen lachenden Gesichtern kam ihr eines sehr bekannt vor. Sie öffnete ihre Handtasche, um die Brille hervorzukramen und in diesem Moment war an der Außentür ein Geräusch zu hören.
»Hör doch«, flüsterte Helga, aber Lucia schenkte ihr keine Beachtung. Sie zog die Brille auf, um das Bild genauer betrachten zu können, und als sie sich bückte, ging plötzlich das Licht aus. Sie fühlte, wie sie eine Hand am Armgelenk packte und energisch nach draußen bugsierte. Ein Schmerz durchfuhr sie wie ein elektrischer Schlag.

 

Teil 4: Sieh doch, Helga!«, Lucia deutete triumphierend ...

Sieh doch, Helga!«, Lucia deutete triumphierend auf etwas, das unter dem Brett zum Vorschein kam und wie ein kleiner Behälter aussah. Sie fühlte sich nahe am Ziel. Sie bückte sich, um es näher betrachten zu können und schob das Brett beiseite. In einer muldenartigen Vertiefung im Boden, etwa so groß wie ein Schuhkarton, stand eine metallene Kiste, die mit einem Schloss versehen war. Der Gärtner hatte sie dort ganz sicher versteckt! Sie kniete nieder, doch in dem Moment, als sie die Kiste hochheben wollte, vernahm sie einen unglaublichen Lärm, der das Wellblechdach über ihren Köpfen zum Zittern brachte. Jedenfalls kam es ihr so vor. Das Getöse war ziemlich gewaltig, so als hätte jemand mehrere Geschosse auf den Schuppen abgefeuert. Ihr Gehirn war wie betäubt. Sie fühlte sich gelähmt, wie damals am Tage ihrer Pensionierung, als sie mit dem Kuchenteller in der Hand regungslos zwischen den beiden Wäscheleinen im Garten der russischen Villa in der Wiesbadener Kapellenstraßen gestanden hatte und zwei Männer dabei beobachtete, wie sie Roswitha, ihrer Freundin und Kollegin, die tot an einem Baum hing, die Ringe von den Fingern und die goldene Uhr von der Hand striffen. Rechts von ihr hatte ein nasses Betttuch gehangen und links von ihr noch eines. Und weil sich der Wind gelegt hatte, hingen die Laken reglos und still wie Wände. Damals hatte sie sich von einem engen, weißen, kalten Raum aus Stoff umschlossen gefühlt, den sie, wie jetzt den Schuppen, nie wieder verlassen wollte. Denn draußen lauerte die Gefahr. Lucia machte sich klein, krümmte sich zusammen wie ein Embryo im Mutterleib. Dann kreischte sie los.
»Aber was hast du denn?«, fragte Helga überrascht. Sie machte einen gefassten Eindruck, als hätte sie nichts von den Geschossen mitbekommen. »Ist etwas mit der Kiste?«
Lucia kauerte starr auf dem Boden und schrie immer noch, misstönend und schrill.
Helga schüttelte sie heftig. »Sei still!«, sagte sie. »Es kann uns ja jeder hören.«
Wie ertappt, hob Lucia den Kopf, richtete sich auf und versuchte kniend, eine würdige Haltung einzunehmen. »Aber«, stammelte sie, »hast du die Schüsse nicht gehört?«
»Welche Schüsse«, fragte Helga. »Ich hab nichts gehört!«
»Ja, die Schüsse!«
»Wann?«
»Gerade eben.«
»Ah«, seufzte Helga. »Du meinst die Schläge auf dem Wellblechdach. Das waren doch keine Schüsse, sondern Kastanien, die der Wind von den Bäumen heruntergeschleudert hat. Sonst nichts. Deine Nerven liegen blank. Lass uns doch einfach nach Hause gehen.«
»Nein!« erwiderte Lucia widerborstig und stur, ohne einen Funken Einsicht zu zeigen. Stattdessen nahm sie die Kiste zwischen die Knie und machte sich am Schloss zu schaffen. Erst zog sie daran, trotzig wie ein Kind, das seine unwillige Mutter zur Süßigkeiten-Auslage an der Supermarktkasse zerrt, dann versuchte sie es mit einem Gegenstand, der wie ein Hammer aussah und schließlich mit einer Heckenschere, die sie in der hintersten Ecke des Schuppens gefunden hatte. Vergeblich. Es war nichts zu machen. Das Schloss öffnete sich nicht. »Na, dann müssen wir das blöde Ding eben mitnehmen«, sagte sie und klemmte die Kiste unter den Arm. »Es wird sich sicher ein Klempner finden, der das für uns aufmacht.« Sie stand auf, klopfte sich den Staub aus dem Rock und verließ den Schuppen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Helga folgte ihr. »Das kannst du doch nicht machen! Das ist Diebstahl!« Der Kies des Zufahrtsweges knirschte unter ihren Füßen.
»Diebstahl … papperlapapp … sei keine Memme, reiß dich zusammen!«
Die Gardine am Fenster des dem Schuppen gegenüberliegenden Hauses bewegte sich leicht, als sie um die Ecke bogen. Helga deutete mit dem Kopf hinüber. »Wir werden beobachtet.«
»Na, wenn schon. Wir machen ja nichts Verbotenes!«
»Nichts Verbotenes«, wiederholte Helga entrüstet. »Mir wird es langsam zu bunt.« Ein kräftiger Wind peitschte ihr das Haar um den Kopf, und sie blieb stehen, um es nach hinten zu binden, während Lucia ein paar Schritte weiter ging, bis sie zur überdachten Eingangstür von Liselotte Glanzners Haus kam. Sie hielt den Finger auf die Türglocke, einfach so, und hörte, wie es drinnen ding-dong machte. Aber immer noch regte sich nichts. Wie gut wäre es, dachte sie, wenn man das Haus nach einem Anhaltspunkt für den Mord durchstöbern könnte. Sie drückte gegen die Tür, einfach so, und zu ihrer großen Überraschung ging sie auf. Kurz nur warf sie einen Blick hinein. »Hallo«, rief sie, nachdem sie die Kiste hinter einen Strauch neben der Überdachung gelegt hatte. »Ist jemand da?« Niemand antwortete, wie Lucia erwartet hatte. Dann ging sie hinein.
»Was machst du da?«, fragte Helga, die jetzt hinter ihr im Türrahmen stand und schüttelte den Kopf. »Bist du denn von allen guten Geistern verlassen! Ein fremdes Grundstück zu betreten und in einem Schuppen herumzuschnüffeln, das geht ja gerade noch, aber in ein fremdes Haus einzudringen … Das mache ich nicht mit. Das ist Hausfriedensbruch!«
»Ach, komm schon. Stell dich nicht so an«, erwiderte Lucia. »Ich kann ja sagen, ich hätte beim letzten Besuch etwas verloren.«

 

Teil 3: Lucia machte ein zufriedenes Gesicht, als Helga ...

Lucia machte ein zufriedenes Gesicht, als Helga und sie sich von ihren Plätzen erhoben. Sie hatte alles, was sie wollte: ein Mordmotiv und den Hinweis auf ein liederliches Leben. »Den Gerüchten nach«, hatte der Mann doch noch gesagt, »soll Herr Schröder eine ganze Reihe von Liebschaften haben, vornehmlich Studentinnen.« Das war bei weitem mehr, als Lucia sich erhofft hatte. Sie schob sich verstohlen zur Tür, während sie mit dem Mann, der sich ihnen, wie ihr jetzt auffiel, gar nicht vorgestellt hatte, ein paar leere Floskeln austauschte. Sein leicht gekrümmter Mund presste sich in den faltigen Winkeln fest aufeinander, so, als ob er sich Mühe gäbe, ein geheimes Vergnügen zu verbergen.
Beim Hinausgehen blickte sie noch einmal auf den Schreibtisch. Auf einigen Papieren, die dort lagen, waren Pläne und Umrisse von Wohnungen zu erkennen, auch Todesanzeigen, feinsäuberlich ausgeschnitten und aufgeklebt. Sie versuchte zu erraten, was für einen Beruf der Mann wohl nachgehen mochte, fragte aber nicht danach. Denn es war schon spät. Als sie das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte, war es 15:10 Uhr gewesen. Demnach hatte sie jetzt noch gut fünfzehn Minuten Zeit, bis das Spiel zwischen Mainz 05 und Hoffenheim begann, dann noch einmal 125 Minuten, um in aller Ruhe das Anwesen von Lieselotte Glanzner zu durchsuchen. Justus Schröder, der Gärtner, würde sie dabei nicht stören. Als Fan von Mainz 05 und stolzer Besitzer einer Dauerkarte war er jetzt ganz sicher im Bruchwegstadion.
Es stürmte, als die beiden Frauen die Straße betraten, und wie Lucia angenommen hatte, war sie menschenleer. Alle Mainzer saßen jetzt vor der Glotze oder im Stadion, bis auf eine alte Frau, die auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Boden kauerte, um irgendwelches Grünzeug auszurupfen, das sie in eine bunte Plastiktüte steckte. Sie sah aus wie eine der mittellosen alten Frauen, die manchmal im Schatten der Elsa, wie das Hochhausviertel in der Elsa Brandströmstraße teils liebevoll, teils ablehnend genannt wurde. Haut und Kleidung – lauter eigentümliche Einzelstücke – waren dunkelgrau und schwärzlich.
»Ich frage mich«, sagte Helga, während sie nach links abbogen, »was sie da sammelt.«
Lucia hob die Augenbrauen und blickte zurück, um die Szenerie zu durchleuchten. »Wahrscheinlich irgendetwas Essbares, was dort wächst.«
»Was soll denn da wachsen?« fragte Helga.
»Feldsalat vielleicht. Ist eine gute Art, sich das Geld fürs Gemüse zu sparen.«
Vor dem Haus von Lieselotte Glanzner blieben sie stehen. Lucia hielt den Finger auf die Türglocke und hörte, wie es drinnen klingelte. Sie wartete. Aber nichts rührte sich. »Komm mit!«,  sagte sie nach einer Weile und öffnete das Tor.  
Sie betraten den kiesbestreuten Zufahrtsweg, der das Haus von einer kleinen rechteckigen, mit hohem gelblichem Gras bewachsenen Fläche trennte. Mehr Garten gab es nicht. – Lucia war beunruhigt. Dass ihr das nicht gleich aufgefallen war! Für einen Gärtner gab es hier nichts zu tun. Überhaupt, das ganze Anwesen bot einen verlassenen und ungepflegten Anblick, ganz im Gegensatz zum Inneren des Hauses.
Hinter dem Haus unter drei hohen Kastanienbäumen stand ein alter Schuppen mit einem Wellblechdach, der Lucia magisch anzog. Während sie die Tür aufzog, bückte sich Helga, um ein paar Kastanien aufzuheben.
»Halte mir jetzt bloß keinen Vortrag von wegen Einbruch«, fuhr Lucia sie an, als sie den Schuppen betrat, obwohl Helga überhaupt nichts gesagt hatte. »Wir schauen uns nur mal um.«
Helga folgte ihr widerwillig. »Ich sag doch gar nichts! Ich habe mich lediglich mit ein paar Kastanien bewaffnet. Man weiß ja nie.«
»Ach, mach doch nicht so ein Theater! Was soll man zwei alten Frauen wie uns denn schon anhaben.«
Im Schuppen herrschte große Unordnung: umgestürzte Gartenmöbel, Arbeitsgeräte und Körbe mit halbverdorbenem Obst. Es roch stark verfault und modrig. Der Staub auf dem Holzboden sah merkwürdig aus, als hätte jemand vor kurzem seine Füße darüber schleifen lassen oder etwas anderes. Lucia schob einen Obstkorb beiseite. Da war noch etwas darunter. Ein lockeres Brett? Sie stampfte mit den Füßen darauf, um zu hören, was für ein Geräusch das machte. Sie schob noch zwei weitere Körbe zur Seite, um zu prüfen, ob das Brett wirklich locker saß. Sie zog daran, etwas ungeschickt, so dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Es ließ sich lösen.

 

Teil 2: Lucia fühlte sich elend. Den ganzen ...

Lucia fühlte sich elend. Den ganzen Vormittag hatte sie die Nachbarn der Toten durchlöchert, aber nichts über den Gärtner  - Herrn Justus Schräädder, wie ihn eine alte ukrainische Dame nannte - herausfinden können, was nur irgendwie auf einen Mord hindeutete. Alle waren des Lobes voll und betonten seine gute Manieren, seine Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. Sie hatte nichts in der Hand, um ihn der untätigen Polizei als Tatverdächtigen präsentieren und damit die ganze kriminalistische Ermittlungsmaschine in Bewegung setzen zu können. Und jetzt kam Helga auch noch zu spät. Lucia wartete schon über eine Stunde, als die Straßenbahn an der Kapellenstraße in Gonsenheim hielt.
»Ich bin noch immer ganz begeistert von der neuen Unterführung am Wiesbadener Bahnhof«, sagte Helga beim Aussteigen, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. »Man kommt sich vor wie in einem Aquarium.«
Lucia gab ihrer Freundin die Hand, damit sie beim Ausstieg nicht auch noch stürzte. »Und da bist du dann auch mehr als eine Stunde stehen geblieben!«, entgegnete sie mürrisch.
Helga blickte sich um. »Ah, hier ist es auch ganz schön, wie in Wiesbaden!« Sie war herausgeputzt, als ginge sie zur Oper, was für das, was Lucia mit ihr vorhatte schlechterdings ungeeignet war. Dazu trug sie noch hohe Schuhe. Aber mit so etwas hatte Lucia gerechnet und für den Fall der Fälle ein paar unauffällige Kleidungsstücke in der Trauerhalle des Gonsenheimer Waldfriedhofs deponiert. Als Trauerrednerin konnte sie das.
»Ich habe gehört, hier sei ein kleiner Wald«, sagte Helga. »Sollen wir nicht spazieren gehen und die ganze Sache auf sich beruhen lassen?«
»Nein«, entgegnete Lucia lapidar. »Erst einmal ziehst du dich um. Und dann …« Sie machte eine Pause und winkte nach dem Taxi, das gerade vorbeifuhr. Denn zur Trauerhalle war es für Helgas hohe Schuhe einfach zu weit. »Und dann«, fuhr sie fort, als das Taxi anhielt, »müssen wir Beweise sammeln, bis wir die Bombe platzen lassen können!«
Sie fuhren zur Trauerhalle. Etwas murrend wechselte Helga die Kleidung, aber sie tat es. Dann gingen sie zum Sportfeld und bogen in die Jahnstraße ein. Am zweiten Haus auf der rechen Seite blieb Lucia stehen und betätigte die Klingel. Nach einer Weile ging die Tür ein Stückchen auf, und ein graumelierter Herr spähte nervös zu ihnen heraus. Er war dünn und trug einen schlichten braunen Pullover.
Lucia holte Luft und zwang sich zu einem Lächeln. »Mein Name ist Herzer. Ich werde die Trauerrede für ihre verstorbene Nachbarin Frau Glanzner halten. Wir möchten Sie nicht stören, aber ich würde von Ihnen doch gern noch etwas über das Leben ihrer Nachbarin in Erfahrung bringen.«
Der Mann sah sie durch seine randlosen Brille an. »Frau Glanzner«, wiederholte er, als ob er den Namen noch nie gehört hätte. »Ich bin gerade am Arbeiten. Aber kommen Sie doch herein.«
Lucia betrat das Haus, das nach Tinte und alten Büchern roch. Helga trippelte pflichtschuldig hinterher. Die Wohnung hätte einen neuen Anstrich vertragen können, auch ein paar bessere Möbel. Aber was sollte sie sagen, sie war an Schäbigkeit gewöhnt. Während sie durch den Flur in ein Zimmer gingen, redete er viel, aber Lucia hörte nicht hin, sondern ging direkt zum Fenster und blieb davor stehen. Er hat einen guten Blick auf den hinteren Garten der Toten, dachte sie, dann drehte sie sich um und sah sich das Zimmer an, in dessen Mitte ein mit Papieren übersäter Schreibtisch stand.
»Möchten Sie sich setzen?« Er rückte ihnen zwei Stühle her und die beiden Frauen setzten sich.
»Einen Kaffee?« Er griff hinter sich und und betätigte eine Kaffeemaschine. Neben der Maschine befanden sich Tassen, Behälter und Reagenzgläser mit flüssigem Inhalt. »Was macht eine Trauerrednerin wie Sie eigentlich bei mir?« Er musterte sie aufmerksam. »Ich meine, was kann ich denn schon zu einer Trauerrede für Frau Glanzner beitragen. Sie war meine Nachbarin, mehr aber auch nicht.«
»Mir hilft jede Kleinigkeit, jeder kleinster Hinweis auf ihr Leben, damit ich es so gut wie möglich wiedergeben kann.« Sie blickte ernst. »Können Sie mir dabei helfen?

 

Teil 1: Niemand ist so veranlagt, dass man ihm trauen ...

Niemand ist so veranlagt, dass man ihm trauen könnte!«, sagte Lucia hochtrabend, während sie die Hand hob, um ein weiteres Kännchen Kaffee zu bestellen. »Absolute Macht über das Leben eines anderen Menschen…«
»Unsinn!«, fiel ihr Helga ins Wort, die appetitlos in ihrer Waldmeisterkokostorte herumstocherte. »Ich würde nie auch nur daran denken, jemanden zu ermorden!« Die beiden älteren Damen saßen in einer Ecke im Maldaner, dem Kaffeehaus und selbsternannten Wohnzimmer von Wiesbaden, wie sie es jeden Dienstag und Donnerstag Nachmittag taten.
»O doch. Du würdest«, beharrte Lucia. »Wenn du weißt, dass es keine Konsequenzen hat! Du und jeder andere.«
»Aber das ist doch Quatsch«, entgegnete Helga erregt und warf die Kuchengabel geräuschvoll auf den Tisch.
»So? Meinst du?« Lucia lächelte und hob vielsagend die Augenbrauen. »Warum denkst du wohl, das um den Mord all diese raffiniert ausgeklügelten Hürden errichtet wurden?« Sie machte eine kurze Pause, um die Wirkung ihrer Frage abzuschätzen. »Weil es sich um ein Verbrechen handelt, zu dem jeder fähig ist. - Mord ist so natürlich wie Essen und Trinken.« Sie trank einen Schluck aus ihrer Tasse, wie um das Gesagte zu verdeutlichen. »Und dieser Gärtner ist dazu fähig. Das sage ich dir. Als ich mich bei ihm heute morgen noch einmal  nach dem Leben der Verstorbenen erkundigen wollte, war er nicht in seiner Wohnung, im Souterrain übrigens, sondern obendrüber, in ihrem Haus. Was hat er da gewollt, frag ich dich? Er ist doch nur ihr Gärtner, - äh, war ihr Gärtner. Das Haus war klinisch sauber. Alles piccobello. Kein Papier lag herum, die Bilder hingen an ihrem Platz…«
»Siehst du!«
»Ja, aber das ist es doch gerade. Alles verbreitet eine kühle, frostige Atmosphäre, als ob nie jemand im Haus gewohnt hätte, als ob man etwas vertuschen wollte.«  
»Hör mir doch auf! Ist es nicht so, dass wir immer das sehen, was wir sehen wollen? Seitdem du Trauerbegleiterin bist, siehst du überall nur Morde.«
»Sehe ich nicht!« entgegnete Lucia trotzig, denn für sie gab es diese Mal wirklich genug Indizien, dass man von einem Mord sprechen konnte. Zunächst einmal ihr Gefühl, das sie nie trog, naja fast nie, und dann sein Gesicht. Ein merkwürdiges Gesicht, hatte sie gedacht, als sie ihn das erste Mal im Haus am Sportpark in Gonsenheim gesehen hatte. Es gehört zu einem Menschen, der etwas Böses getan hat. Sie erinnerte sich an die Welle von frischem Körpergeruch, die von ihm ausgegangen war, das gestärkte Baumwollhemd, das so gar nicht zu einem Gärtner passte. »Denk an das teure Rasierwasser«, sagte sie. »Er führt mit Sicherheit ein Doppelleben!«
»Woher weiß man, wann ein Rasierwasser teuer ist?«, fragte Helga bissig, doch Lucia antwortete nicht. Sie dachte daran, wie er sie bei den Schultern angefasst und zu sich herangezogen hatte, als er sich über die Großzügigkeit der Verstorbenen ereiferte. »Er sieht wie ein richtiger Mörder aus«, sagte sie nach einer Weile und tippte auf das Foto, das sie bei einem der vier Gespräche, die sie mit ihm geführt hatte, aus seiner Wohnung entwendet hatte. Man wusste ja nie!
»Das bildest du dir alles ein«, gab Helga zurück.
»Ach«, sagte Lucia mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Das bilde ich mir also alles ein und was war …« Sie sprach nicht weiter, sondern dachte an den Tag ihrer Pensionierung, als sie einen Mord beobachtet hatte.
»Warum lässt du diese alte Geschichte denn nicht auf sich beruhen?«
»Weil«, sagte Lucia knapp, wie ein kleines Kind, das sich um eine Erklärung herumdrückt oder glaubt, das Wörtchen selbst sei schon Erklärung genug, ein Zauberspruch, der es allem Unangenehmen enthebt.  
»Weil was?«
Lucia schwieg, um jeden Gast im Maldaner einzeln anzusehen, dann fragte sie plötzlich: »Also machst du mit?«
»Das kannst du doch wohl nicht im Ernst von mir erwarten!«, sagte Helga und musterte ihr Gegenüber fast neugierig. »Das könnte gefährlich werden.«
»Siehst du, du fängst selbst an, daran zu glauben.« Lucia senkte ihre Stimme, als der Kellner endlich den Kaffee brachte. »Ich hab mir was überlegt.«