Weniger Anbieter – mehr Stress am Band
Wo sind all' die Supermärkte hin?
miniMAL, HL Tengelmann, Plus, immer mehr Marken verschwinden aus dem Mainzer Stadtbild. Stattdessen scheint es ständig neue Rewe Läden zu geben. Allein in dem weniger als fünf Quadratkilometer großen Gebiet zwischen der Großen Bleiche und der Goethestraße sind es mittlerweile sieben. Wir wollen wissen, woran das liegt und was das für Kunden bedeutet.
Wo ist denn der Plus hin“, fragte eine irritierte ältere Dame mit Einkaufstasche, die offensichtlich gerade zu den „kleinen Preisen“ in der Mittlere Bleiche wollte. „Der heißt doch jetzt Netto“, erklärte ihr Mann. Statt des vertrauten Einkaufserlebnisses haben Kunden es dafür mit unfreundlichem und gestresstem Personal zu tun. Gnadenloser Wettbewerb Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung teilen sich die fünf größten Wettbewerber - Edeka, Rewe, Metro, Lidl und Aldi - 70 Prozent des Marktes und alle wollen ihren Anteil weiter ausbauen. Die höchsten Zuwachsraten haben die Discounter. Kein Zufall also, dass etablierte Supermärkte rationalisieren. Die Zahlen lassen sich auch für Mainz bestätigen. Nach Angaben des Amtes für Wirtschaft und Liegenschaften gab es hier 1992 noch 92 Supermärkte, heute sind es nur noch 70.
Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Discounter von 20 auf 30. Derzeit tragen schon 80 Prozent aller Supermärkte im Mainzer Stadtgebiet das Rewe (allein 36 Prozent), Aldi, Penny oder Netto Logo. Zudem ist Penny die Discountlinie der Rewe-Gruppe und könnte ebenfalls bald den rot weißen Rewe CITY Schriftzug tragen. Edeka, Rewe und der Metrokonzern gestalten derzeit viele ihrer Marken nach dem Discounterprinzip um. Die Auswirkungen lassen sich beim täglichen Einkauf beobachten: „Kontinuierlich mehr Menschen müssen pro Zeiteinheit abfertigen“, erläutert uns die Mitarbeiterin eines familiengeführten Supermarktes in der Neustadt bei dem das Prinzip noch nicht gilt. Nicht selten gäbe es in kleineren Filialen nur noch eine Festangestellte, die von der Kasse zum Pfandautomaten hetzt und zwischendurch auch noch Regale einräumen muss. Größere Supermärkte versuchen ihre Kosten zu senken, indem sie Tätigkeiten wie das Einräumen der Regale an einen Dienstleister outsourcen. Diese Praktiken enden nicht selten im Lohndumping. In einem SWR-Bericht war in diesem Zusammenhang jüngst von Hungerlöhnen die Rede. „Wie Horden, die einem fast über den Haufen rennen“, erlebt Kundin Constanze Bramer die Mitarbeiter, die im Akkord in einem Supermarkt am Bahnhof die Regale füllen. Und, fragen könne man auch niemand, weil „sie entweder nicht deutsch können oder nicht mit den Kunden reden dürfen“, hat Bramer festgestellt. Dem Kunden Beine machen Auch der Stress an der Kasse hat System. Moderne Scannerkassen sind schnell, es ist der Kunde der „zu lange“ zum Einpacken und Bezahlen braucht. Gerade haben Handelsketten und Banken ein Abkommen angekündigt, das die zeitaufwändige Kartenzahlung vereinfachen soll.
Der Bereich zum Verstauen der gekauften Waren, wenn man Fließband und Kassentisch hinter sich hat, wird zunehmend wegrationalisiert, um die Kunden zum schnelleren Einpacken zu zwingen. „Besonders ältere Menschen empfinden das als enormen psychischen Druck“, erklärt Ulrike Meyer-Strötges von der Verbraucherzentrale Rheinland- Pfalz. Auch das ungeduldige Gebaren des Kassenpersonals beim Geldzählen des Kunden scheint vom Konzern gewollt zu sein. Supermarktangestellte werden auf der Grundlage der pro Stunde abgefertigten Einkäufe bewertet. Für Constanze Bramer ist Einkaufen so kein Erlebnis mehr. Sie wird in Zukunft mehr in Bioläden einkaufen, oder zumindest in Geschäften, in denen man sich noch Zeit für Kunden nimmt.
•Armin Gemmer•

