Avantgarde-Trio „upper Bleistein“ besetzt russische Ölbohrplattform

Erfolgscode „XX“ – alle Kunstmacht den Frauen!

Es ist noch nicht lange her, da wurden die Mainzer regelrecht von den Neuigkeiten aus „upper Bleistein“ umgetrieben, mit Neuigkeiten von jenem rätselhaften Ort, wo eine Künstlergruppe, bestehend aus drei jungen Frauen, seit 2007 ihre Heimat hat. Das kreative Dreigestirn der upper Bleistein-Leute, wie sie sich nennen, hat es trotzdem geschafft, bis heute weitgehend unbeobachtet arbeiten zu können. Einige Geheimnisse sollen aber nun gelüftet werden.

Judith Leinen, Laura Eschweiler, Lisa Vogel stehen am Ende ihres Studiums an der Kunsthochschule Mainz und vor der Frage, wie und wo es jetzt weitergeht. Den Emy- Roeder-Förderpreis für junge Rheinland-Pfälzer Künstlerinnen und Künstler 2011 in der Tasche und eine vielbeachtete Ausstellung in der Schirn- Kunsthalle in Frankfurt am Main im Rücken, zieht es sie jetzt weit fort in den sibirischen Norden. Platz zum Bauen sei dort genug und die Möglichkeiten größer zu denken, weitere Ideen umzusetzen und dabei neue Diskurse und Gespräche zu führen, schätze man nicht geringer ein als in Mainz. In der Barentssee werden die drei einfach mal die stillgelegte Öl-Plattform Sladja II erobern (nächste dauerhaft bewohnte Siedlung ist die Insel Kolgojew) und das vorgefundene technische Kunstwerk bearbeiten. „Zunächst erforschen wir den vorhandenen Raum. Welche Arbeit sich aus unseren Entdeckungen entwickelt, wird sich zeigen. Alles ist möglich. Das Beste was uns zu unserer Reise noch fehlt, ist der Dolmetscher, denn russisch spricht keiner von uns und es ist ein entlegener Ort an den es uns entführt.“

 

Ein großes Interesse an Orten, Strukturen und Menschen fernab des Kunstbetriebes hatten die drei Bildhauerinnen schon immer. Sie bleiben sich in dieser Beziehung treu. Hinter ihnen liegen erfolgreiche Ausstellungen in der Mainzer Volkssternwarte, im Haus Mainusch, im Abgeordnetenhaus und auf den Straßen und Plätzen von Mainz. Unvergessen bleibt ihre Aktion von 2009, wo sie dutzendweise Holz-Kisten auf Rollen in der Mainzer Innenstadt hervorzauberten, um diese „mit freundlichen Grüßen aus upper Bleistein“ an die kleinen und großen Bürger und Bürgerinnen zu verschenken, zum Beispiel als Sitzgelegenheit oder aber zum eigen-kreativen Gebrauch als Seifenkiste. Schnell war damals das Ordnungsamt auf den Plan gerufen und es gab sogar Bombenalarm in der Stadt. Aber alles entwickelte sich letztlich zu Gunsten von „upper Bleistein“. Das Land kaufte die Kisten an und in der Mainzer Kunsthalle gab es im Rahmen von „fail better 2.2“ im Januar 2010 eine vielbeachtete Ausstellung.

 

Die Kunst kommt, genauer gesagt „rollt“ zu den Menschen, und nicht umgekehrt – so lautet bis heute eine Devise von Judith Leinen, Laura Eschweiler und Lisa Vogel, und dabei geht es den Künstlerinnen darum, Skulpturen zu produzieren, die die Dynamik haben konventionelle Ausstellungsräume zu sprengen, um ortsspezifische und temporäre Projekte zu entwickeln. Auf der Ölplattform in der Barentssee werden sie schon bald vor Ihrem bislang größten Projekt stehen. Mal sehen, welche „breaking News“ uns dann hierzulande aus „upper Bleistein“ ereilen. Wir können auf jeden Fall sehr gespannt sein.

 

•Henning Berg•


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