Marc Kettenbach war als Freiwilliger in Afghanistan

„Endlich wieder zu Hause“

Es hat „gekracht“, sagen Afghanistansoldaten nur knapp, wenn eine Granate neben ihnen explodiert oder ein ‚Selbstmordattentäter seine gefährliche Ladung zündet. Der Mainzer Stabsunteroffizier Marc Kettenbach hat erlebt wie das ist, wenn es „kracht“.

Wer vor 1990 seinen Wehrdienst abgeleistet hat, der kannte die Bundeswehr als Planspiel, bei dem einem Soldaten nicht wirklich etwas passieren konnte. Während Politiker heute darüber streiten, ob der militärische Einsatz in Afghanistan als Krieg bezeichnet werden darf und die Öffentlichkeit die Bundeswehr noch immer als reine Verteidigungsarmee wahrnimmt, hat sich die Realität in deutschen Kasernen grundlegend verändert. Seit „die Freiheit auch am Hindukusch verteidigt wird“, gehören tote, verletzte und traumatisierte Soldaten zum Alltag.

Liebend gern freiwillig

Wie gehen junge Soldaten mit der allgegenwärtigen Bedrohung um. Wir haben einen gefragt, der dort war, den Mainzer Stabsuntero zier Marc Kettenbach. Als erstes wollten wir wissen, was ihn dazu bewogen hat, sich freiwillig für Afghanistan zu melden. „Verantwortungsbewusstsein, den Kameraden gegenüber“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Wenn man zur Bundeswehr gehe, gehöre das einfach dazu. Der erhöhte Wehrsold sei jedoch ebenfalls ein Kriterium gewesen, ergänzt er. Die zweite Antwort klingt weniger eingeübt. Denn im gleichen Atemzug räumt er mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf. Das lautet: Für Kampfeinsätze melden sich genau wie in den Vereinigten Staaten mittlerweile auch in Deutschland nur junge Soldaten aus einfachen Verhältnissen ohne berufl iche Perspektiven. „Die Auslandsversendung ist sehr begehrt“, korrigiert Kettenbach, der im zivilen Leben eine Tischlerlehre vorzuweisen hat. Ganze sieben Mal habe er sich vergeblich für den Afghanistaneinsatz gemeldet, erst beim achten Versuch habe es geklappt, so groß sei die Nachfrage. Für viele ist der Auslandseinsatz ein Karrieresprungbrett. Bevor es losging, war erst einmal knüppelharter Drill angesagt. Fahrertraining, Schießausbildung, Konvoi fahren, Au rischen der infanteristischen Grundausbildung und sogar eine Geiselha übung. Zwar gibt es keine Folterszenarien, aber die psychische Belastung eines solchen Trainings sei für ihn enorm gewesen. Das nächste mulmige Gefühl stellte sich ein, als er Versicherungspapiere für den Fall seines Todes unterzeichnete.

Eindeutige Handbewegung Richtung Kehle

Afghanistan selbst war für ihn ein absoluter Kulturschock. „Verkehrchaos, prächtige Bauten direkt daneben erbärmliche Lehmhütten und Metzger, die auf der Straße schlachten“, beschreibt Kettenbach seine ersten Eindrücke. Zwischendurch sieht er immer wieder Menschen, die eine eindeutige Handbewegung Richtung Kehle durchführen. Hier scheint niemand zu diskutieren, ob das Wort Krieg angemessen ist. Als das erste Mal eine echte Granate in der Nähe seiner Einheit einschlug, überkam ihn ein „hilfl oses Gefühl“, erinnert er sich. Es sollte nicht die letzte sein, zwar nicht täglich, aber doch viel ö er als im lieb gewesen sei, habe es gekracht. Über Tod oder Verwundung wird absichtlich nicht angesprochen. Eine Art Selbstschutz, sagt er.

Über Angst wird nicht gesprochen

Auf die Frage, wie man mit dieser permanenten Bedrohung umgehe, erzählt er ausweichend von eingeübten Automatismen, die dann greifen würden: Koordination der Rettungs- und Unterstützungskrä  e. Lieber redet er über die Kameradscha , die einen in der Gefahr zusammenschweißt. Harte Männer, die sich immer aufeinander verlassen können. Eine seelische Beeinträchtigung habe er nicht davon getragen, erklärt Kettenbach. Aber er ist „verdammt froh wieder zu Hause zu sein.“

 

•dm/ag•

 


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